The Arena Of Feminism

**VON HISHI KARO Feministinnen verurteilen BDSM. Feminismus und SM – insbesondere weibliche sexuelle Unterwerfung – sind nicht vereinbar. Frauen, die SM ausüben oder auch nur in diese Richtung gehende Fantasien haben, ganz besonders devote Fantasien, sind Kollaborateurinnen des Patriarchats. Oder? Sind alle feministischen SMlerInnen schizophren (feminist by day, masochistic slut by night)?

Credit: Shutterstock/Quadshock

Kann ich mich gleichzeitig als Feministin bezeichnen und guten Gewissens die Schwelle 7 und das SMArt-Café in Wien besuchen? Zu meinem großen Glück gibt es nicht nur einen Feminismus, es gibt viele Feminismen. In jedem Fall ist das Verhältnis von Feminismen und SM gerade so interessant, weil er auf den ersten Blick problematisch erscheint. Und wer weiß, vielleicht bringt ein kurzer Abriss dieses Verhältnisses Feminismen auch Personen näher, die sich gern als „anti-feministisch“ bezeichnen?

Sex Wars und Sadomasochismus

Nein, FeministInnen sind sich selten einig und feministische Strömungen, benannte wie namenlose, gibt es fast so viele wie Personen, die sich als FeministInnen bezeichnen. Diskussionsthemen, die FeministInnen spalten, gibt es ebenso wie Sand am Meer: Bezahlung von Hausarbeit, die Kopftuchdebatte, Frauenquoten… Eines dieser Themen, dasjenige der Sexualität, mündete in den 1980er Jahren in den „feminist sex wars“.

Im Zentrum dieser Debatten standen sexpositive oder anti-pornografische Standpunkte. Die Debatte um Sadomasochismus polarisierte Teilnehmerinnen der Diskussionen und führte letztendlich zur Gründung der SAMOIS-Gruppe, einer Aktivistinnengruppe an SM interessierter Lesben. Deren Mitglieder, wie die amerikanische Anthropologin und Feministin Gayle Rubin oder die Schriftstellerin und Sexualtherapeutin Pat Califia (inzwischen Patrick Califia), waren zwischen 1978 und 1983 in San Francisco aktiv und publizierten Auseinandersetzungen mit konsensualem Sadomasochismus in der Lesbenszene sowie S/M-Handbücher. SAMOIS sah im lesbischen BDSM eine Möglichkeit, bestehende gesellschaftliche Strukturen in Frage zu stellen.

Normative Vorstellungen

So schrieb Gayle Rubin 1979: ‘We are contesting the structures into which society has organized desire, gender and reproduction’. S/M wurde über die persönlichen Vorlieben hinaus zu einem hochpolitischen Thema, denn es richtete sich gegen die bestehenden normativen Vorstellungen von einer „natürlichen“ Sexualität: Diese sollte nicht immer heteroerotisch, liebevoll, gewaltfrei und auf Reproduktion ausgerichtet sein müssen.

Bis heute sind SAMOIS-Publikationen in feministischen Kreisen umstritten. Vorgeworfen wurde den Aktivistinnen vor allem die Glorifizierung von Sexualpraktiken, die, so die Gegnerinnen, patriarchale Machtverhältnisse imitierten, ja sogar reproduzierten. Sexuelle Passivität und Unterwerfung sei nur das Resultat der durch das patriarchale System bedingten Passivität und Unterwerfung von Frauen im alltäglichen Leben (Vgl. Karen Horney) und sollte eher überwunden, als unterstützt und gefördert werden. Die deutsche Feministin Alice Schwarzer diskutierte schon zu SAMOIS-Zeiten die Unvereinbarkeit von Feminismus und SM-Praktiken. Die von ihr gegründete Zeitschrift „Emma“ veröffentlichte seit dem Ende der 1970er Jahre in regelmäßigen Abständen kritische Auseinandersetzungen mit SM-Praktiken und – Fantasien.

Von weiblicher Schuld und feministischen Praktiken

In einem 2010 erschienenem Artikel diskutierte die Emma weibliche Sexualfantasien und Sadomasochismus und blickte auf eine ihrer eigenen Ausgabe aus den 1970er Jahren zurück, in der die Psychoanalytikerin Margarete Mitcherlich ihre Analyse devoter, weiblicher Phantasien preisgab: „Die Tatsache, dass masochistische Fantasien so zahlreich bei Frauen anzutreffen sind, muss auf ihre jahrhundertelange familiäre Fesselung zurückgehen (…). Gegen die Verinnerlichung und die damit verbundene Hilflosigkeit konnten sich Frauen oft nur zur Wehr setzen, indem sie mit Hilfe der Fantasie aus passiv unterdrückten Wesen zu aktiven Schöpferinnen ihres Leidens wurden.“

2010 wedelte daran anschließend Alice Schwarzer triumphierend mit einer psychologischen Studie, die meinte, einen Bezug zwischen sadomasochistischen Fantasien und Kindheitstraumata feststellen zu können. Im Anschluss an eine sehr lange, bis zum österreichischen Psychiater Richard von Krafft-Ebing (1840-1902) reichende Tradition, pathologisiert Emma Frauen, die devote, egal ob hetero- oder homosexuelle, Fantasien haben. Sie stehen nicht nur unter dem Verdacht, eine anormale Episode in ihrer psychischen Entwicklung durchlaufen zu haben: Den Leserinnen wird suggeriert, darüber nachzudenken, ob ihre Fantasien denn nicht bedrückend seien, bzw. ob sie angesichts ihrer der patriarchalen Unterdrückung entsprungenen sexuellen Wünsche sich selbst überhaupt noch als emanzipiert bezeichnen können.

Mit Fantasien aktiv auseinandersetzen

In einem solchen Diskurs geht es weniger um die Dekonstruktion bestehender Geschlechterverhältnisse und den Abbau von Freiheitseinschränkungen für Frauen, als, wieder einmal, um die Einschränkung weiblicher Handlungsspielräume und Schuldzuweisungen. Anstatt dafür zu plädieren, sich mit seinen Wünschen und Fantasien aktiv, durchaus auch kritisch, auseinanderzusetzen, werden sadomasochistische Praktiken mit den Labels „Trauma“ und „antifeministisch“ versehen.

Antifeministisch? Nein! SM hat durchaus sehr viel Potenzial zur Selbstreflexion und zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Machtverhältnissen, auch mit solchen, die vom Geschlecht abhängig sind. Ein SM-Spiel bietet einen festen Rahmen und setzt gleichzeitig eine Offenlegung der Wünsche und Grenzen der teilnehmenden Personen voraus. Diese Offenlegung ist jedoch nur möglich, wenn man reflexiv die bestehenden (also nicht die inszenierten) Machtbeziehungen beäugt. Das SM-Spiel bietet somit viele Möglichkeiten, Machtbeziehungen bewusst für einen genau bestimmten Zeitraum zu verändern.

Machtszenarien austesten

Für mich persönlich gehören SM/ und DS (dominance/submission)-Praktiken nicht zum Alltag, sondern sind immer Teil einer Inszenierung, deren Modalitäten im vorab mit den beteiligten Personen besprochen werden. Die Inszenierung bietet mir die Möglichkeit, Machtszenarien auszutesten, die ich in meinem Alltag nie akzeptieren würde. Dazu muss ich mir jedoch zuerst einmal im Klaren sein, was ich in meinem Alltag nicht akzeptieren würde, was davon ich aber gerne in einer Inszenierung hätte. Nicht nur das: Ich sollte mich auch mit den Wünschen und Grenzen meines Gegenübers auseinandersetzen und das wiederum schult die Kommunikationsfähigkeit. Ich habe in meinem ganzen Leben lang noch nie so viel über konkrete Machtbeziehungen nachgedacht, wie im Zusammenhang mit SM. Für mich gilt also: BDSM ist ganz klar die Arena des Feminismus.

Über Hishi Karo:

Die Geschlechterhistorikerin Hishi Karo betreibt gemeinsam mit Barkas das im Jahre 2011 eröffnete Shibari Dojo Vienna – eines der vier Osada ryu Dojos weltweit. Gemeinsam organisieren sie die Wiener Fesselspiele, ein international besetztes Festival für Freunde der erotischen Seilkunst. Hishi ist weiters Presenterin und Vortragende bei internationalen Bondage-Festivals und Dojos.

Beide sind leidenschaftlich verliebt in die japanische Fesselkunst und SchülerInnen von Osada Steve, Yukimura Haruki und Nawashi Kanna. Als erfahrenes Rope-Model und Fesslerin organisiert Hishi Karo zusammen mit Riggerin Tygerlily auch zwei Frauen-Seilgruppen im Dojo.

Hier geht’s entlang: Shibari Dojo Vienna

 

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