„Ich bin pervers. Ich darf das.“

**Es ist Dienstag Abend im Wiener SMart Café, der SM-Porno läuft im Fernseher an der Bar. Das Klischee, den sadomasochistischen Archetypen gibt es lediglich in meinem Kopf: Die Mitglieder von Libertine Vienna, der Sadomasochismus-Initiative der Bundeshauptstadt, kommen jedenfalls ganz gut auch ohne zurecht. Ein fröhlicher Haufen von Menschen in Jeans und Pulli philosophiert über Gott und die Welt - es ist 'Libertine Vienna'-Stammtischzeit im Wiener SMart-Cafe.

Raisa Kanareva - Shutterstock

„SM gibt es eigentlich nicht“

Sadomasochismus als sexuelle Ausdrucksform gibt es nicht, er rangiert in der ‚Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme‘ (ICD) unter der Schlüsselnummer ‚F65‘, Störungen der Sexualpräferenz. Libertine Vienna-Obmann Robert nimmt es zumindest oberflächlich betrachtet mit Humor, frei nach dem Motto: „Ich bin pervers. Ich darf das.“

Credit: Raisa Kanareva/shutterstock.com

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Die Libertine Vienna ist einer ältesten, offiziellen Sadomasochismus-Initiativen im deutschsprachigen Raum mit politischem Hintergrund. Bereits seit 27 Jahren setzt sich der Wiener Verein für gesellschaftliche Rahmenbedingungen ein, in der Individualität und Sexualität wertgeschätzt werden. Der Grund für diese Vorreiterrolle, so Robert in scherzhafter Anspielung an Sigmund Freud: „Neurosen wurden in Wien erfunden.“ Älter sind in Europa nur mehr Clubs in Schweden und Dänemark.

Das Gespräch dreht sich um Freiheit, um die gesellschaftliche Toleranz gegenüber allen Ausprägungen menschlicher Sexualität, die unter Erwachsenen und mündigen Menschen einvernehmlich ausgelebt wird. Der Verein und seine Mitglieder präsentieren sich mir intellektuell, belesen, philosophierend und offen: „Sexualität ist ein ideologiefreier Raum.“

Die nicht kommerzielle, also private BDSM-Szene werde immer größer und diverser, erzählt Robert, in den vergangenen Jahren seien viele spezialisierte Gruppen entstanden. Diese Diversifikation ist seit etwa 10 Jahren vor allem in den urbanen Milieus zu beobachten. Denn: „DEN SM gibt es nicht.“ Sondern eine Vielzahl an spielerischen Möglichkeiten, seine „dunkle Seite in einem geschützten Rahmen auszuleben.“ Alte Klischees wie etwa des Managers, der sich nach getaner Arbeit vom Zwang, Entscheidungen treffen zu müssen, durch Unterwerfung quasi „erholen“ will, stimmen nur bedingt. Menschen, die sich unterwerfen wollen, sind Robert’s Beobachtung nach zwar in der Mehrzahl – aber bei beiden Geschlechtern.

Fein abgestimmte Beziehungen mit Konsenskultur

Credit: Raisa Kanareva/shutterstock.com

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Sadomasochistische Beziehungen sind von einer enormen Konsenskultur geprägt: Sie bahnen sich langsam an, sind fein abgestimmt. „Wenn man nicht versteht, wie der andere tickt, wird das nichts“, so Robert, SM funktioniere nur mit dem richtigen Partner zur richtigen Zeit mit dem richtigen Setting. Das Ausleben seiner innersten Wünsche und sadomasochistischen Phantasien – Liebe, Geborgenheit und Zärtlichkeit inklusive. Denn das eine schließe das andere nicht aus.

Robert schätzt, dass etwa 30% der Bevölkerung offen für sadomasochistische Gefühle in ihrer gesamten Bandbreite sind – also beginnend bei den obligatorischen Handschellen, die gemeinsam mit dem Vibrator und Gleitgel ihr Dasein in Nachtkästchenschubladen fristen, bis hin zum Ausleben der Phantasien in ’strengen‘ Kammern. Zur Zeit boomen die Bondage-Seminare des Vereins, in der Pärchen die Kunst der Seiltechnik erlernen können: Während die Medizin Sadomasochismus noch in das sexualpathologische Eck rückt, sind SM-Techniken in den Schlafzimmern dieser Welt so alltäglich wie die gute alte Missionarsstellung.

Die Kommerzialisierung schreitet voran

Zumindest bis dato widersetzt sich der private SM-Bereich in Österreich der Kommerzialisierungstendenz: Das überlässt man Anderen, etwa Deutschland mit seiner BoundCon, der European Fetish Convention in München. Dort erfährt man hautnah, was sich Marketingexperten, nicht zuletzt durch den Welterfolg „Shades of Grey“ angefeuert, unter einer erfolgreichen Kommerzialisierung des SM so vorstellen.

Diese Kommerzialisierung geht für Robert aber in die falsche Richtung: Denn Ziel sollte es sein, Individualität und Freiheit zu fördern. Der Trend zum Kommerz gibt Unsicheren zwar Struktur in einer unglaublich weitreichenden Palette an Möglichkeiten, der Preis dafür sind aber Klischees und Körperideale – von denen man sich eigentlich befreien will.

Hier findet ihr mehr zu den Libertine Stammtischen und Seminaren:

Libertine Vienna: www.libertine.at (Auf die Mailingliste wird nur gesetzt, wer zumindest 1x persönlich gesehen wurde) – es gibt auch in den Bundesländern Stammtische und Veranstaltungen!

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  1. “Wie ein großer Spielzeugladen” - lebe lieber sinnlich

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