Behinderung & Sexualität: Selbstbestimmtes Agieren lernen

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„Es gibt eine positive Entwicklung“, ist sich Josef Häusle, Sexualpädagoge der Lebenshilfe Vorarlberg, sicher. Bereits seit mehreren Jahren arbeitet er gemeinsam mit einer Kollegin daran, Menschen mit einer Behinderung im Umgang mit ihrer eigenen Sexualität zu helfen. Dabei wird in Kursen mit Piktogrammen, Rollenspielen, Gerüchen, Musik, Zeichnungen und Farben gearbeitet. In Sitzungen werden dem Klienten individuelle Lösungen und Hilfe zur Selbsthilfe vermittelt: „Ich versuche, die persönliche Not zu erspüren und Lösungen zu finden, wie der Klient diese lindern kann.“

Oftmals geht es in diesen Sitzungen um das Ziehen von Grenzen, um selbstbestimmtes Agieren. „Menschen mit Behinderungen haben großes Vertrauen in ihre Mitmenschen und glauben, nicht ‚nein’ sagen zu dürfen. Gerade dies ist im Zuge der Selbstbestimmung ein wesentlicher Teil. ´Ich bestimme über mich`, und das jedem Gegenüber kundzutun“, so Häusle. Auch ist die Grenze zwischen ‚gut gemeint’ und sexuellem Missbrauch manchmal fließend.

In der Praxis werden immer noch viele Medikamente verschrieben – auch um eine Schwangerschaft zu vermeiden. So erleben Frauen und Mädchen mit Behinderungen laut einer Studie die Verletzungen in ihrer Wahrnehmung als sexuelle Persönlichkeiten noch intensiver als Männer oder Burschen. Die Themen Sexualität und Partnerschaft werden jedoch vielfach bei beiden Geschlechtern bereits in der Sozialisation und Erziehung ausgeklammert, wobei sich auch hier eine Besserung beziehungsweise ein Hoffnungsschimmer abzeichnet.

Mangelnde Privatsphäre

Josef Häusle, Sexualpädagoge der Lebenshilfe Vorarlberg

Josef Häusle, Sexualpädagoge der Lebenshilfe Vorarlberg

Die Sexualität Erwachsener mit Behinderung ist noch ein Tabuthema, das es zu diskutieren gilt. Josef Häusle plädiert für einen Miteinbezug der Sexualität in das tägliche Leben. „Unsere Klienten benötigen unser Wissen, um eine bessere Sexualität erleben zu können. Erfahrungen aus anderen Bundesländer haben gezeigt, dass bei einem erfüllenden Sexualleben der Medikamentenverbrauch sinkt, sich die Aggressions- und Frustrationstoleranz bessert und sogar die Lebenserwartung steigt.“

Dabei ist zu berücksichtigen, dass eine körperliche Behinderung oftmals einhergeht mit medizinischen Maßnahmen oder Operationen, Schmerzen und negative Körperwahrnehmungen inbegriffen. Die positive Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper kommt oft zu kurz oder wird erst gar nicht gefördert. Auch bei den Pflegeleistungen gilt es, notwendige Diskussionen zu führen. Denn immer wieder kommt es vor, dass Schamgrenzen oder Tabus verletzt werden: „Behinderte Menschen haben andere Grenzen, wenn sie beispielsweise oft gewaschen worden sind“, erklärt Häusle, “Es ist wichtig, Klienten pädagogisch so zu unterstützen, dass diese ihre Grenzen wahrnehmen und auch gegenüber anderen aufzeigen.“ Aufklärung ist hier die beste Prävention.

Sexualität ausleben

Die Sexualität auszuleben – das Spektrum an Möglichkeiten ist so vielfältig wie die Bedürfnisse der Klienten. Oft ist es der Wunsch nach einem Kuss, Berührungen, Umarmungen, oder mehr? Wie bei Männern ohne Behinderung stellt der Besuch bei Sexualassistentinnen oder Sexarbeiterinnen eine Möglichkeit dar. Hier ist in Vorarlberg eine Sonderstellung gegeben: Wer im „Ländle“ Sexarbeit anbietet, macht sich strafbar, während es in der Steiermark mit der Libida Sexualbegleitung beispielsweise eine geförderte Möglichkeit gibt. Grund hierfür ist die geltende Gesetzeslage in Vorarlberg.

Kurios wird es, wenn ein unter Sachwalterschaft stehender Klient Besuch von einer Sexualassistentinnen oder Sexarbeiterinnen aus einem anderen Bundesland bekommt und diese eine Rechnung mit einer Adresse aus einem anderen Bundesland stellt. Der Sachwalter ist aufgrund der Aufzeichnungspflicht angehalten, die Belege dem Richter vorzulegen. Vom Gericht wird dann im Sinne des Klienten entschieden, obwohl es dies eigentlich gar nicht gibt. Denn auch Menschen mit einer Behinderung dürfen über ihren Körper selbst entscheiden – alles andere ist für Josef Häusle „ein Eingriff in die Intimsphäre über die Köpfe der Behinderten“. Und so meint er abschließend: „Es braucht einen anderen, menschlicheren Zugang dazu.“

Links:

Lebenshilfe Vorarlberg: „Befähigen und Begleiten“

Beitrag im MDR über „Sex & Behinderung“ vom 3. August 2013

Beitrag ‚Zeitschrift für Sexualforschung‘: „Sexuelle Bildung und Koitusaktivität bei Jugendlichen mit und ohne Behinderung“, Ausgabe 3/2013

Libida Sexualbegleitung

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