Ein Nachruf auf einen genialen Wissenschafter

**Mit Carl Djerassi ist am vergangenen Wochenende ein großer Wissenschafter von uns gegangen: Der Miterfinder der Pille verstarb im Alter von 91 Jahren in San Francisco an den Folgen eines Krebsleidens. Djerassi war nicht nur Naturwissenschafter, sondern auch Autor und Dramatiker, Kunstsammler und Mäzen. Besonders spannend für uns war seine Vision, wie die Zukunft der Verhütung aussehen wird. Denn seiner Meinung nach werden wir in der Zukunft gar nicht mehr verhüten.

Credit: Julia Elena Weiss

Die Bedeutung zuverlässiger Verhütung

1951 war Carl Djerassi an der ersten künstlichen Herstellung des Sexualhormons Norethisteron beteiligt und legte damit den Grundstein für die Entwicklung der Pille: Die chemische Grundvoraussetzung war geschaffen. Dieser Durchbruch bedeutete einen langersehnten Bruch zwischen der natürlichen Verbindung von Fruchtbarkeit und Sexualität. Denn theoretisch sind im Leben einer Frau etwa 15 Schwangerschaften möglich. Daraus ergeben sich – abhängig von Gesundheitszustand, Wohn- und Hygieneverhältnissen, Zugang zu sauberem Trinkwasser und Nahrung – etwa zehn Geburten. Früher haben von diesen Kindern etwa sieben überlebt; damals wie heute ist diese Anzahl aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen viel zu hoch.

Geburtenkontrolle bedeutete früher (und in vielen Ländern dieser Welt leider auch heute noch) sich einer risikoreichen Abtreibung zu stellen (mehr dazu findest du in unserem Artikel über das Wiener Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch). Die Entwicklung eines zuverlässigen Verhütungsmittels wie der Pille ließ Frauen über ihren Körper entscheiden, trennte die Verbindung zwischen Sexualität und Fruchtbarkeit.

Verhütung in der Zukunft 

Carl Djerassi beobachtete und analysierte die Entwicklung und den Markt der Verhütungsmittel sehr genau. In seinen Arbeiten beschäftigte er sich etwa mit dem Spannungsfeld Religion und Verhütung,  sowie der Frage, wie wir hinkünftig verhüten werden. Er war sich sicher, dass wir in der Zukunft keine Verhütung mehr benötigen werden – er sah dies als nächsten Schritt der Trennung von Sexualität und Fruchtbarkeit. Seiner Meinung nach werden wir unsere Spermien und Eizellen im jungen Alter einfrieren lassen und uns danach sterilisieren lassen. Babies würden dann nur mehr durch künstliche Befruchtung entstehen.

Djerassi sah darin mehrere Vorteile:

  •  Sex haben wir in unserem Leben vor allem aus folgenden Gründen: Aus Spaß, aus Liebe zu/r Partner/in. Eine österreichische Frau bekommt im Schnitt 1,44 Kinder, auch die Fertilitätsraten in den anderen EU-Ländern sehen ähnlich aus. Außer Irland und Frankreich, hier liegt die Fertilitätsrate bei 2,01 Kinder. Ließen wir uns alle sterilisieren, werden Verhütungsmittel und Abtreibungen überflüssig (außer, wir wollen uns vor Geschlechtskrankheiten schützen) – und wir haben ganz stressfrei einfach zum Spaß Sex.
  • In vielen Ländern geht es jedoch nicht nur um den Spaß am Sex, eine Abtreibung ist in vielen Ländern dieser Welt nicht erlaubt bzw. werden sie unter sehr schlechten hygienischen Bedingungen durchgeführt. Eine Abtreibung bedeutet für viele Frauen das Todesurteil: In 2008 führten 47.000 unsachgemäß durchgeführte Abtreibungen – allen voran in den Entwicklungsländern – zum Tod junger Frauen.
  • Frauen kommen schmerzhaft früh in ein Alter, in dem Schwangerschaften schwierig werden. Im Alter von 35 Jahren haben sie nicht nur etwa 95 Prozent ihrer Eizellen verbraucht, sie kommen auch in die Perimenopause, der Vorstufe der Menopause. Das Einfrieren junger Eizellen nimmt Frauen den Stress – und vor allem gibt es ihnen die Chance, sich später für ein Kind zu entscheiden und Zeit in die Karriere zu investieren.

Djerassi war sich aber auch der ethischen und sozialen Auswirkungen der künstlichen Befruchtung sowie der Pränataldiagnostik bewusst. Wenn eine Frau bereits zwei Burschen zur Welt gebracht hat und nun ein Mädchen möchte, so würde dies vermutlich keine großen Wellen schlagen. Was passiert aber in jenen Ländern, in denen Mädchen nicht willkommen sind? Und werden sich in der Zukunft nur mehr wohlhabende Eltern eine künstliche Befruchtung leisten können?

Sollen Frauen, die von Natur aus keine Kinder bekommen können, durch die moderne Medizin dazu in die Lage gebracht werden – auch wenn es weltweit Kinder gibt, die sich über ein gutes Zuhause freuen würden? Wie weit darf der Wunsch nach „Unsterblichkeit“ gehen, nach dem Weitergeben der eigenen Gene?

Carl Djerassi hat diese Themen und Fragestellungen auch in seinen Theaterstücken verarbeitet, wie beispielsweise in „Unbefleckte Empfängnis“. Die Zukunft wird weisen, ob Carl Djerassi Recht hatte – oder seine Vorstellungen Fiktion bleiben werden.

Mehr dazu lesen:

Homepage von Carl Djerassi

Information zu WHO – Facts on Induced Abortion Worldwide

1 Kommentar zu Ein Nachruf auf einen genialen Wissenschafter

  1. Ein bezaubernder Mann ist von uns gegangen.
    Ich konnte Prof. Carl Djerassi noch persönlich kennenlernen, bei der Aufführung eines seiner Theaterstücke.

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