Chris Hilton: Der Hamster hat Schluckauf

**Pornostar Chris Hilton hat ein Buch über die Pornobranche geschrieben. Es ist der ungefilterte Bericht eines tief im System Mitwirkenden, der keinen Zweifel aufkommen lässt: Wer in dieser unmenschlichen  Schlangengrube namens Pornosektor überleben will, muss mit beiden Beinen im Leben stehen und enormen Druck aushalten. Und das für den reinen Spaß an der Arbeit: Davon leben kann man heute nämlich nicht mehr. Die Branche hat sich kaputtgespart und verabsäumt, in den goldenen Zeiten zu investieren. Und das rächt sich heute - mit Auswirkungen auf alle Beteiligten.

Credit: Guido Thomasi / Chris Hilton

Sich von Normen verabschieden

Erschienen ist das Buch im Tacheles Verlag – und der Name ist Programm: Chris Hilton nennt die Dinge beim Namen. Für Anhänger/innen des romantisch-verklärten Rosemunde-Pilcher-Films ist das Werk jedenfalls nichts, Chris ist eher der Charles Bukowski unter den Autobiographen. Auf dieses Buch muss man sich einlassen, sich vieler Normen entledigen, die unsere Gesellschaft für uns parat hat.

Denn Chris Hilton hat Spaß am Sex, und er kommuniziert es auch. Beides Verhaltensweisen, die in unserer Gesellschaft abgestraft werden. Denn in der übersexualisierten Welt ist unser persönlicher Sex und die Kommunikation darüber immer noch tabuisiert, es mangelt an einer offenen Kommunikation, an Realismus und an echter Intimität. Menschen lassen sich nur allzugerne eine Schablone bzw. Normen aufdrücken, ein (Leistungs-) Konzept, nach dem sie leben, und nach dem sie auch Sex haben. Bücher wie „In zehn Schritten zu einem erfüllten Sexleben“ haben nicht ohne Grund das Potential zu einem Bestseller. Dieses Potemkinsche Dorf, dem wir uns gerne hingeben, wird beim Lesen dieses Buchs entweder pulverisiert – oder man hasst das Werk. Es wird jedenfalls polarisieren, soviel steht fest.

Denn Chris fickt sich durch das Buch. Und es ist kein romantisches Märchen a la „Shades of Grey“, sondern es erzählt eben Chris Hilton’s Leben, oder besser noch: Wie er es sieht, wie er empfindet, wie er seine Jahre in der Branche wahrgenommen hat. Und das können Leser/innen respektvoll annehmen – oder sich daran reiben.

Ein Rädchen im System

Chris Hilton funktioniert und ist ein perfektes Rädchen in der Maschinerie: Er ist zuverlässig, sieht gut aus, kann seine Erektion und seinen Orgasmus gut steuern. Das macht ihn zu einem begehrten Darsteller, sein „bestes“ Stück steht zuverlässig seinen Mann. Trotz des Drucks beim Dreh, der unmenschlichen Behandlung seitens der Crew, der Regisseure. Denn als Mann ist er lediglich ein Stück Fleisch, das an einem großen, möglichst harten Penis dranhängt. Als professioneller Darsteller hält er stundenlang durch, behält Licht, Ton, und Kamera im Augenwinkel und regiert entsprechend, verhilft seiner Sexpartnerin zu einer gelungenen Präsentation und verfügt über ausreichend Garderobe.

Trotz dieser hohen Anforderungen an den männlichen Part hat Chris Hilton Spaß. Der Spaß am Sex ist auch so ziemlich das einzige, was ihm von einem Dreh bleibt. Konnten vor wenigen Jahrzehnten Produzent/innen und Darsteller/innen gut von ihren Leistungen leben, so ist heute von dieser ehemals gutgehenden Maschinerie nur mehr ein Schatten über: „Nach Abzug von Fahrkosten, Kosten für den Gesundheitstest (den der Darsteller aus eigener Tasche bezahlt), bleibt nichts mehr übrig. Alles weitere, wie zB Garderobe möchte ich gar nicht mehr einrechnen, weil mir sonst die Tränen kommen.“ Chris überlebt, weil er wirtschaftlich nicht von der Pornobranche abhängig ist: Der Ingenieur für Elektrotechnik studierte Physik und hat einen „weltlichen“ Job, der ihn ernährt und unabhängig macht.

Chris‘ Meinung nach ist es aber nicht nur Schuld des Internets, dass die Businessmodelle des Sektors nach und nach zusammenbrachen. Denn das gute Geld, das die Branche in der Vergangenheit mit Pornografie verdient hat, ist – ohne in die Weiterentwicklung der Produkte und der Branche zu investieren – abgezogen worden. Das funktioniert auch in anderen Branchen auf Dauer nicht, und die Folgen sind sehr ähnlich: Die Qualitätsschraube wird nach unten gedreht, die Kosten stetig reduziert. Damit wird völlig austauschbarer Einheitsbrei produziert, der sich von Laienpornos kaum mehr unterscheidet. Dafür bezahlen Kunden aber auch nicht mehr – wozu auch: Es gibt ja genug kostenfreien bzw. sehr günstigen Content im Netz zu betrachten.

Zu Tode gespart

Die Qualität sinkt natürlich auch bei der Wahl der Darsteller/innen, bzw. die Auswahl reduziert sich dadurch von selbst. Darsteller/innen mit Qualitäts- und Honoraranspruch flüchten aus der Branche, weil sich nichts mehr verdienen lässt und die Arbeit mittlerweile einem russischen Roulette gleicht: Auf Grund des niedrigen Verdienstes können und wollen sich Darsteller/innen die teuren Gesundheitschecks nicht leisten. Sie fälschen Tests und kommen zum Dreh, ohne sich der eigenen Gesundheit sicher zu sein – und haben mit ihren Filmpartner/innen Sex ohne Kondom. Denn das bringt wenigstens ein bisschen mehr Geld. Das Verantwortungsbewusstsein wird nur allzu leicht aus dem Weg geschoben, weicht dem Druck, Geld verdienen zu müssen.

Ein weiteres Problem ist die „Unterwanderung“ aus der Prostitution, die Chris Hilton anprangert. So sind Swingerclubs beispielsweise auf zahlende Männer angewiesen, diese sind ein wichtiger Teil ihres Businesskonzepts. Ein Mann, der im Club nicht zum Zug kommt, verabschiedet sich als Kunde – und aus diesem Grund treten hier Professionelle auf den Plan. Bei dieser kommen auch die Männer zum „Schuss“, die auf Grund ihres Aussehens, ihres Benehmens und/oder ihrer mangelhaften Hygiene keinen Anschluss finden. Abseits von Swingerclubs bilden sich aber auch Eventagenturen, die nichts anderes organisieren als Gangbangpartys:

„Massenhaft organisierte Prostitution. Wenn Massentierhaltung die Spitze der Perversionen hinsichtlich unserer Fleischproduktion darstellen, dann ist der organisierte Gangbang zweifelsohne das Analog dazu. Massenficks.“

Kurz nach beispielsweise einem Gangbang in einem Swingerclub – der zB noch gefilmt und online gestellt wird – hat die Dame einen Pornodreh. Eine Win-win-Situation für alle Beteiligten: Der Pornoproduzent hat ein frisches, junges und billiges Gesicht vor Kamera. Der Club kann eine „echte“ Pornodarstellerin ankündigen, und die Dame verdient sich noch etwas hinzu und kann ihre Miete bezahlen.

Chris steht dem sehr kritisch gegenüber: Aus Qualitäts-, aber auch aus gesundheitlichen Gründen. Mittlerweile lehnt er 90 Prozent der Rollenangebote ab, weil er sich über seine Sexpartner/innen erkundigt – und im Netz meist deren Nebengeschäfte entdeckt.

Die Branche hat Schluckauf

Das Buch macht eines klar: Die Pornobranche hat sich selbst in den Abgrund getrieben. Natürlich hat das Internet viele Entwicklungen vorangetrieben, ließ Businessmodelle zerbröseln. Der Sektor hat diesen Veränderungen aber nicht besonders viel Neues entgegenzusetzen. Das Verhalten der in der Branche Handelnden ist vergleichbar mit einem Unternehmen, das um sein wirtschaftliches Überleben kämpft: Jeder hat nur noch sein eigenes Überleben im Blickfeld. Das Klima hat sich in den vergangenen Jahren geändert, Chris Hilton hat nur mehr die letzten Ausläufer einer gutgehenden Maschine genossen.

Jetzt hat nicht nur der Hamster, sondern die gesamte Branche Schluckauf. Was im Porno-Jargon für ein Problem am Set steht, gilt nun für den gesamten Sektor. In einem Interview, das er uns vor wenigen Wochen gab, bekräftigte er: „Der Konsument muss erkennen, worauf er da abgeht.“ Denn: „Es gibt auch gute Projekte und gute Leute in der Branche, und die gilt es zu unterstützen.“ Und eines ist völlig klar: „Die Lösung ist nicht kein Porno, sondern guter Porno.“

Es scheint, als ob Chris Hilton die Vision eines Neubeginns, eines Neustarts hat: Durch die qualitätvolle Umsetzung der Projekte, dem Abgrenzen vom Schmuddel, der die gesamte Branche in Mitleidenschaft zieht. Im Buch geht er auch auf Verbesserungsvorschläge für die Arbeitsbedingungen ein, fordert etwa ein neues, zentrales System für Gesundheitschecks. Damit würden Fälschungen nicht mehr in der heutigen Form möglich sein, was die Sicherheit der Darsteller erhöhen würde. Schritte, die der Branche helfen würden, sich aus ihrer Situation zu befreien und einen Weg aus dem Dilemma zu finden. Jetzt braucht es nur noch den Mut, diesen neuen Weg zu gehen.

Mehr dazu im Interview mit Chris Hilton

Fazit: Chris Hilton’s Erstlingswerk ist ein faszinierender Einblick in einen Sektor, der nur sehr ungern Transparenz walten lässt. Es unterhält und bringt zum Lachen, schockiert und regt zum Nachdenken an. Wer schon immer ein Blick hinter die Kulissen der Pornobranche werfen wollte, ist hier gut aufgehoben.

Chris Hilton: Der Hamster hat Schluckauf. 
erschienen im Tacheles Verlag 

Mehr Infos zum Buch sowie einige Probekapiteln findest du auf www.derhamsterhatschluckauf.de

Link zu Amazon, auch für Kindle erhältlich.

1 Kommentar zu Chris Hilton: Der Hamster hat Schluckauf

  1. Vielen Dank für diesen ausführlichen Bericht. Ich fände es zum Beispiel durchaus angebracht, auch bei Pornos ein Kondom zu verwenden. Wo ist das Problem?? Damit wäre eine Beispielwirkung erreicht und vielleicht so mancher Mann (oder auch Frau) ermutigt, beim eigenen Sex vorsichtiger zu sein.
    Ansonsten scheint die Pornofilm-Industrie den Verfall bei der Prostitution wider zu spiegeln.
    „Von nun an gehts bergab…“https://www.youtube.com/watch?v=s9v2XBNVRtw

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