„Die Ära der echten Domina ist vorbei“: Autorin & Domina Contessa Juliette im Interview

**"Shades of Grey" war vorgestern - und ist Kinderkram gegenüber der Autobiografie einer der spannendsten Frauen aus der Wiener SM-Szene, Domina Contessa Juliette. Ihre Geschichten sind echt, aus dem Leben gegriffen und benötigen keine künstliche Dramaturgie. Juliette gibt in ihrem Buch Einblick in den Alltag einer Domina, wie sie als Geschäftsfrau das Business stetig weiterentwickelte und überlebte - in einer Welt, in der Licht- und Schattenseiten eng beieinanderliegen.

Contessa Juliette / Credit: Esther Crapélle, Atelier Mystique

Und schnell wird klar: Der gesellschaftliche Wandel macht auch vor SM nicht Halt – es geht heute oftmals alleinig um den Konsum, die schnelle Befriedigung in der Fastfoodkultur.

Doppel-Leben

Die geborene Berlinerin führte über Jahre hinweg ein Doppelleben – ihr offizieller Beruf an Bord des Familienunternehmens und ihr Parallel-Leben als professionelle Domina verlangten ihr so einiges ab. Die Übernahme des Familienunternehmens war nicht ihre erste Berufswahl, erklärt sie im Interview. So begann sie eigentlich Kunstgeschichte und Französisch zu studieren, bevor sie mit ihrem Bruder das Unternehmen der Eltern weiterführte.

SM-Spiele waren höchstens Teil ihres privaten Liebesspiels, erst im Alter von Ende 30 wurde sie in München im Zuge ihrer Geschäftsreisen immer mehr Teil der SM-Szene – und bekam von dort die Empfehlungen nach Wien, ihrem Hauptwohnsitz.

Sie hatte nie die Absicht, professionelle Domina zu werden, jedoch befriedigten sie die privaten Spiele á la longue nicht. „Ich machte es aus Spaß und Freude“, so Juliette, „Aber die zum Teil unverschämten Ansprüche privater Spielpartner haben mich verärgert.“ Sie ging mit Enthusiasmus, Know-how und Phantasie in Sessions, schlich zu den geheimen Treffen in die Hotelzimmer, im Schlepptau die schwere Tasche mit SM-Utensilien – um dann mit Forderungen und Ansprüchen konfrontiert zu werden. Ihre Verabredungen waren in erster Linie Männer, die IHRE Phantasien und Fetische erfüllt bekommen wollten und nicht Sklaven, die sich einfach einer Herrin als Lustobjekt zur Verfügung stellen wollten, bemerkte sie spitz beim Interview. „Der Ausgleich war nicht gegeben“, blickt Juliette zurück, dann sollten geneigte Männer eben für ihren Service zahlen.

Die „sanfte“ Domina

Contessa Juliette (Credit: Harald A. Jahn, www.rubber.at)

Nach und nach wurde sie in der österreichischen Bundeshauptstadt eine der ganz großen Frauen der Branche mit einem eigenen Studio. Im hochpreisigen Sektor angesiedelt, hat sie den Markt professionalisiert und aufbereitet. „Die Preise stiegen mit meinem Eintritt in die Branche, und sie fielen, als ich ausstieg“, so die bemerkenswerte Analyse.  Mit der Initiierung eines internationalen Kontaktnetzwerks (Bizarr Escort International©) blickte sie über den Tellerrand, ihre Kunden konnten auf ein vertrauenswürdiges Netzwerk in vielen Ländern zugreifen.

Geschäftsreise nach Mailand, oder einfach nur ein spannendes und aufregendes Abenteuer in Berlin oder Paris gefällig? Kein Problem, SM-Phantasie inkludiert. Ihre Geschäftsideen – wie beispielsweise die SM-Massage als eine Art „Einstiegsdroge“ für Schüchterne – bewiesen Weitblick und hatten Potential.

Die starke Verankerung in der Szene und bei ihren Kunden verdankt sie vermutlich ihrem menschlichen Zugang zu Kundenphantasien. Als Domina war sie eine Art Storytelling-Expertin und „Enablerin“ für die abstraktesten Kundenwünsche. Kunden bekamen immer 100 Prozent Qualität. Ihr Verantwortungsbewusstsein und Einfühlungsvermögen, aber auch niveauvolles Auftreten und die phantasievolle Unterhaltung waren Voraussetzungen für ihren Erfolg. Kunden konnten sich wohlfühlen und fallen lassen, da Sicherheit immer ein Teil des Spiels war. „Ich bin keine Sadistin, ich bin dominant und beherrsche gerne“, erklärt Contessa Juliette im Gespräch. Sie ist, so beschreibt sie im Buch, eine „sanfte“ Domina, mit großem Respekt vor den Menschen, mit denen sie zu tun hat. Ein Tabu gab es jedoch: Ihr Sex war immer privat und monogamen Beziehungen vorbehalten. „Daran habe ich mich immer gehalten“, so Juliette, „Das brauche ich für mich, um mir selbst ins Gesicht sehen zu können.“

Der Wandel der Branche

Contessa Juliette / Credit: Harald A. Jahn, www.rubber.at

Heute ist in der SM-Branche kein Stein auf dem anderen geblieben. Der Wertewandel führt dazu, dass sexuelle Phantasien nicht mehr nur heimlich umgesetzt werden müssen: In den heimischen Schlafzimmern sind SM-Spiele mittlerweile an der Tagesordnung, der private Sektor ist ein großer Konkurrent der professionellen Szene. Aber, meint die Contessa: „Jeder Wandel, der zur Folge hat, den entsprechenden privaten Gegenpart zu finden, ist gut. Das hat natürlich Einfluss auf das Geschäft, ein weiterer Haken ist das Angebot. Es bieten sich in Wien viele Frauen als Dominas an“, so Juliette, „Und es gibt darunter auch einige Perlen, die ein phantasievolles Spiel bieten.“

Die Ansprüche der Kunden sind heute enorm, auch wenn Oberflächlichkeit und Mittelmäßigkeit Einzug gehalten haben. Früher sei alles viel kleiner gewesen, heute wird von den Studio-Betreibern sehr viel Investitionsaufwand verlangt. Juliette wird ein bisschen wehmütig, wenn sie über diesen Wandel spricht, der auch mitverantwortlich für ihren Ausstieg aus der Szene war. Sie spricht von einem „Verfall von SM“: Es sei immer weniger Phantasie gefragt, man gleite immer mehr in Erotisches, also Sex, ab. Es geht mehr und mehr um das Konsumieren, um die schnelle Befriedigung. In ihrem Buch wird „Shades of Grey“ bereits im Vorwort verrissen:

„Schau dir doch an, was den Massen heute als S/M verkauft wird: Sex in Latex und Fantasieromane naiver Hausfrauen, die vom Thema nicht die geringste Ahnung haben.“ (Zitat: „Der Engel mit der Peitsche“)

 

Trotz der hohen Anforderungen gingen die Preise seit dem Ausstieg der „Gräfin“ aus der Branche stetig bergab. „Es ist Schuld der Dominas, es zuzulassen“, analysiert die Kennerin der Branche.

Frauen – und ihre Macht über Männer

Frauen, so die Domina, sollten sich ihrer Macht über Männer mehr bewusst werden: „Ich habe immer gespürt, dass wir Frauen mehr Macht haben. Es geht darum, zu wissen, wie man sie nimmt.“ Für die privaten Spiele rät sie Frauen ab, in fremde Wohnungen zu gehen. Sich fallen zu lassen, ist Vertrauenssache: „Bei mir als erfahrene Domina konnten Männer davon ausgehen, dass nichts passiert, dass man(n) die Session lebendig verlässt. Es ist kein entspanntes Spiel ohne Vertrauen möglich.“ Abhilfe schaffen Clubs mit öffentlichen Spielmöglichkeiten, hier kann man in sicherer Atmosphäre Vertrauen aufbauen.

Ein (Un-)Sicherheits-Faktor, der auch im privaten Sektor nicht zu unterschätzen ist, ist der Einfluss von Filmen. Filme sind Fiktion, und haben nur selten etwas mit der Realität zu tun. Etwas entnervt reagierte Juliette beispielsweise auf Kundenwünsche, die einfach nicht umzusetzen sind. Beispielsweise Fisting an analen Jungfrauen umzusetzen widerspricht nun einmal jedem Gesundheits- und Sicherheitsaspekt. Aber hier können es Subs und Doms wie Juliette halten: Lernen, lernen, lernen.

TV-Tipp:
Contessa Juliette ist zu Gast „Bei Barbara Stöckl im LateNighttalk” am 24.Juli 2014, 23.05h auf ORF2

Viel mehr zum Thema findet ihr in ihrem Buch:

Contessa Juliette: „Der Engel mit der Peitsche“
Verlag epubli, Berlin – Preis: EUR 15,99
Homepage: www.derengelmitderpeitsche.com
Die Bestellung der Printversion ist auch per Email möglich: buch@contessa.at
Folgende Handlung führt die Autobiografie: Buchhandlung Hasbach, Wollzeile 9, 1010 Wien

Leseprobe findet ihr hier (unter „Vorschau“): www.epubli.de

 

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