Der Penis hält sich nicht an Einheitsgrößen

Credit: MY.SIZE

Männer kennen ihre Kragenweite und Schuhgröße, aber ihre Penisabmessungen und damit die passende Kondomgröße kennen sie nicht. Thomas Hahn, Vertriebsleiter von der Kondombrand My.Size, im Interview über die perfekte Erektionsbekleidung.

„Pannen passieren aus Anwendungsfehlern heraus“

Das Businessmodell der deutschen Marke My.Size basiert auf einer Lücke: Der Staat, der Handel, die EU, sie alle wollen Normierungen. In vielen Fällen ist das ja auch sinnvoll. Eine Schraube sollte normierte Abmessungen haben, bei einer Bananenkrümmung ist das, nun ja, weniger nachvollziehbar. Auch bei den im Handel erhältlichen Kondomgrößen werden Einheitswerte verwendet, und das Problem liegt auf der Hand: Penisse halten sich nun einmal nicht an die Größennormierungen.

Sie passen nicht, sind zu klein, zu groß. Thomas Hahn wundert sich nicht über die Vielzahl an „Verkehrsunfällen mit Latexfrust“, wie er es nennt, die durch falsche Kondomgrößen Jahr für Jahr entstehen. „Der PEARL-Index basiert auf einer völlig falschen Datenlage.“ Denn mit perfekt sitzenden Kondomen würde es diese Probleme nicht geben: „Diese Pannen passieren aus Anwendungsfehlern heraus.“ Ist ein Kondom zu groß, verliert man es recht schnell, ein zu enges Kondom wird bereits beim Überziehen zur Qual und zu sehr beansprucht. Und: „Das Empfinden der Männer ist eben nicht so dehnbar wie Latex.“ Ein schlecht sitzendes Kondom – und die Lust ist dahin.

Von der Wissenslücke zur Produktlücke

My.Size arbeitet nicht mit Begriffen wie Small, Medium oder Large, sondern mit Größencodes. Jedes einzelne Kondom wird überprüft - Credit: My.Size

My.Size arbeitet nicht mit Begriffen wie Small, Medium oder Large, sondern mit Größencodes  – Credit: MY.SIZE

Die Marke My.Size wurde vom Unternehmer und Kondomberater Jan Vinzenz Krause mitentwickelt, nachdem er sich aus der eigenen Betroffenheit heraus bereits als Jugendlicher mit passenden Kondomgrößen auseinandersetzte und schon aus der elterlichen Wohnung heraus einen regen Kondomhandel betrieb. Seine Eltern unterstützen ihren Filius mit einer Unerschrockenheit, von der sich Kondomhersteller etwas abschauen sollten. Denn Krause macht sogar ein Praktikum bei einem Hersteller und erzählte ihm von seiner Idee. „Das Unternehmen hat aber nicht reagiert, hat die Relevanz unterschätzt“, so Hahn.

Die Gründe sieht der ausgebildete Sexualpädagoge in mehreren Fakten: Männer identifizieren sich über ihren Penis, und das macht Stress – ohne Scham und Peinlichkeit die Penisgröße zu bewerten, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Und es sitzen meist Männer an den Schalthebeln der Unternehmen, die an der Praxis des Handels etwas ändern könnten. Da beißt sich quasi der Kater in den Schwanz: Eine Wissens- und Kommunikationslücke wird damit zur Produktlücke.

Kondom wäre Alternative zur Pille

vlnr.: Thomas Hahn und Jan Vincenz Krause

vlnr.: Thomas Hahn und Jan Vincenz Krause

Was Thomas Hahn schade findet, denn ein perfekt sitzendes Kondom führt seiner Erfahrung nach zu einer völlig neuen Einschätzung dieses Verkehrsmittels. Wer einmal ein passendes Kondom probiert hat, bleibt auch dabei und ist meist erstaunt, dass das Kondom so völlig natürlich in das Liebesspiel einzubauen ist. Weil es sitzt, passt und keine Probleme macht. Das Kondom wäre seiner Meinung nach dann auch eine sichere Alternative zur Pille, die massiv in den natürlich Zyklus der Frau eingreift: „Nicht nur der Penis steht mit passendem Kondom besser da: Auch der PEARL-Index stünde mit passendem Kondom ganz anders da.“

Der erste Schritt zur richtigen Erektionsbekleidung ist für Thomas Hahn daher die Entwicklung einer Kommunikationskultur, um dieses wichtige Thema ohne Gefühl der Peinlichkeit besprechen und diskutieren zu können. „Männer müssen sich in ihrer Intimität geschützt fühlen“, erklärt Hahn. Darauf basiert auch die aktuelle My.Size Kampagne „Das Maß aller Dinger“, die genau dieses Kommunikationsdefizit angeht und eine neue Gesprächskultur etablieren will. „In der heutigen Zeit der Übersexualisierung kommen Männer schnell in Zugzwang, sich sexuell attraktiv darzustellen. Es existiert ein Unvermögen, entspannt darüber zu reden“, meint Hahn, es gibt zu dieser Thematik auch noch zu wenige Gesprächskulturbotschafter, die als eine Art Vorbild fungieren und Themen mit Peinlichkeitsfaktor besprechbar machen, das Gesprächsvakuum sinnvoll füllen.

Dazu gibt es viele Multiplikatoren, die in der Beratung helfen könn(t)en: Apotheker, Urologen, Gynäkologen, Sexualberater, die AIDS-Prävention mit all ihren Organisationen. Bis dato steht My.Size mit dem Thema Größe jedoch alleine auf weiter Flur. Ein Thema, dem sich Männer jedoch widmen sollten, denn Kondome stellen neben Enthaltsamkeit und Vasektomie die einzige Möglichkeit dar, selbst Verantwortung in der Verhütung zu übernehmen. „Durch die Nutzung von Kondomen kommen Männer in eine Eigenverantwortlichkeit, die ihnen auch einen ganz anderen Verhandlungsstatus in Beziehungen zuteilt. Ein Aspekt, der vielen Beziehungen gut tun würde“, meint Hahn abschließend.

Links zum Interview: 

Homepage von My.Size

So wird die Penisgröße gemessen

Facebook-Site der Kampagne „Das Maß aller Dinger“

 

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