Die Welt zugänglicher machen, so wie sie jetzt ist

**Die Inklusion von Menschen mit Behinderung ist untrennbar verbunden mit den Begriffen „Barrierefreiheit“ und „Schutz“. Darunter ist oftmals die physische Umgebung gemeint, also angepasste Türen, Rampen, Leitsysteme, oder auch die Integration in Arbeitsprozesse. Die Inklusion von Sexualität ist ein vergleichsweise noch sehr junges und tabubehaftetes Anliegen. 

Esra Rotthoff/2013

Raúl Krauthausen, Gründer und Vorsitzender des Berliner Vereins SOZIALHELDEN e.V., bringt den Umgang mit der Sexualität von Menschen mit Behinderung auf den Punkt: „Man fühlt sich als Mensch mit Behinderung relativ schnell aussortiert, Sexualität bekommt eine ganz bestimmte Konnotation. Behinderte unter sich dürfen gerne mal miteinander Sex haben, es gibt dafür auch extra „Fachkräfte“, die hier helfen. Aber es ist beispielsweise in keiner Datingbörse vorgesehen, dass man eine Behinderung angeben kann, beziehungsweise, dass man sich vorstellen kann, eine Beziehung mit jemanden einzugehen, der eine Behinderung hat.

„Der beste Sex ist der, der unbezahlt ist“

In der Gesellschaft nehmen frei ausgelebte Sexualität beziehungsweise die sexuelle Selbstfindung, Attraktivität und körperliche Fitness einen hohen Stellenwert ein. Medien thematisieren dann schon einmal die Schönheit von Menschen TROTZ ihrer Behinderung. Es gibt immer mehr Projekte, welche die Attraktivität behinderter Menschen in den Fokus rückt: „Auch wir können sexy sein.“ Raúl Aquaya-Krauthausen kritisiert in diesem Zusammenhang die kontraproduktive Fokussierung auf industriell geleitete Schönheitsideale. „Es stellt sich die Frage, wie es bei Menschen ist, die offensichtlich nicht ganz den Schönheitsidealen entsprechen. In diesem Fall ist Behinderung und Sexualität wieder stark tabuisiert“, so der Gründer von SOZIALHELDEN. Er wünscht sich daher Projekte, wo Behinderung als Schönheit, und nicht als Makel betrachtet wird – abseits von Fetischen wie dem Amelotatismus, der Zuneigung und Liebe zu Menschen mit Behinderung. Denn: „Es geht darum, dass wir uns als Menschen untereinander finden.“

Den Alltag beschreiben

Filme umschiffen die Frage nach dem Beziehungsalltag mehr oder weniger galant, wie etwa in „Vincent Will Mehr“ oder „Avatar“, an dessen Ende sich der Held für ein Leben als Avatar entscheidet. Raúl Krauthausen will definitiv mehr: Er setzt sich für eine Barrierefreiheit ein, die abseits von Sonderlösungen „die Welt zugänglicher macht, so wie sie jetzt ist.“

Aus diesem Grund hat er etwa ein Problem mit dem Thema Sexualassistenz. So bezeichnet man die Unterstützung von Menschen mit Behinderung in ihrer Sexualität, manchmal werden diese Assistenten auch „BerührerInnen“ genannt. Sie sind die „guten“ SexarbeiterInnen und werden seitens der Gesellschaft besser akzeptiert als ihre KollegInnen in den Bordells, Laufhäusern oder auch auf den Straßen. Diese Assistenz, warnt Krauthausen, kann aber nicht als Lösung gelten, sie ist lediglich eine Linderung des Drucks, eine Ersatzbefriedigung für Nähe. „Viele Menschen mit Behinderung haben auch gar nicht das Geld, um sich so etwas zu leisten. Und was für Angebote gibt es eigentlich für Frauen mit Behinderung?“

Starker pflegerischer Aspekt

Die Assistenz ändert beispielsweise nichts daran, dass nichtbehinderte Menschen sich Sex mit Menschen mit Behinderung nicht vorstellen können. Die Probleme, die sich nichtbehinderte Menschen ausmalten, so Krauthausen, bestehen oft nur im Kopf, Beziehungen scheitern viel eher auf Grund von üblichen Beziehungsproblemen. Aus diesen Vorurteilen entstehen die von ihm kritisierten Sonderlösungen, welche die bestehenden Stigmatisierungen weiter einzementieren und fortsetzen. „Menschen mit Behinderungen haben ein Recht auf Sexualität, aber das darf nicht das Abstellgleis sein“, bekräftigt Krauthausen. So fragt er sich beispielsweise, warum SexualbegleiterInnen nicht behindert sind und meist eine Krankenschwesterausbildung mitbringen. Sexualität wird mit einem starken pflegerischen Aspekt wahrgenommen, kritisiert er: „Wenn es darum geht, dass Menschen mit Behinderung durch Sexualbegleitung lernen, ihren Körper und sich zu lieben, könnte es dann nicht förderhafter sein, wenn die Begleitung auch eine Behinderung hat oder aber zumindest keine ‚Fachkraft’ ist, die für Ihre ‚Liebe’ Geld bekommt?“

In seinen Beziehungen hat der Berliner auch die Erfahrung gemacht, dass es viele Fragen, aber kaum Antworten für nichtbehinderte Menschen gibt, die eine Beziehung mit einem Menschen mit Behinderung haben. Auch Beratungsstellen stellen vor allem den Menschen mit Behinderung in den Fokus, für seine Partnerinnen gab es jedoch kein Forum, in dem über Sex und Erotik mit Menschen mit Behinderung diskutiert werden konnte. Ein weiteres Projekt, das der Inklusion wohl dienen würde.

Raúl Krauthausen

Raúl Krauthausen wurde 1980 in Peru geboren und ist in Berlin aufgewachsen. Er studierte Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation sowie Design Thinking und gründete 2004 den gemeinnützigen Verein SOZIALHELDEN e.V.. Beispiele für prämierte Projekte des Vereins sind etwa „Pfandtastisch helfen!“ oder auch die Webanwendung Wheelmap.org, mit der rollstuhlgerechte Orte markiert und gefunden werden können.

Vortrag bei TEDxBerlin von Raúl Krauthausen

Die Website Leidmedien.de gibt Journalisten Tipps für den richtigen sprachlichen Umgang in der Berichterstattung über Menschen mit Behinderung und wie man die größten Klischee-Fallen vermeidet.

Buchtipp:

Raúl Krauthausen: „Dachdecker wollte ich eh nicht werden“

Inklusion:

In Deutschland und Österreich gibt es Aktionspläne und Strategiepapiere, die sich der Inklusion von Menschen mit Behinderung widmen. Heute leben weltweit mehr als eine Milliarde Menschen (ca. 15 % der Weltbevölkerung) mit einer langfristigen Behinderung, 80 % davon leben in Entwicklungsländern. Menschen mit Behinderungen sind eine sehr heterogene Gruppe mit unterschiedlichen Bedürfnissen an eine barrierefreie Umwelt. Auf Grund des weltweiten demografischen Wandels und der Zunahme chronischer Erkrankungen, wird – so das deutsche Strategiepapier – auch der Anteil der Menschen mit Behinderungen steigen.

Weitere Links:

In Österreich engagiert sich der Vorarlberger Sexualpädagoge Josef Häusle für einen Miteinbezug der Sexualität in das tägliche Leben von Menschen mit Behinderung

Sexybilities – Initiative der ARGE für selbstbestimmtes Leben schwerstbehinderter Menschen (ASL) e.V. Berlin

2sames – Dokumentationsprojekt über Paare mit einem behinderten und einem nichtbehinderten Menschen

anderstark.de: Projekt, bei dem Frauen und junge Mädchen, die eine muskuläre Erkrankung haben, fotografisch außergewöhnlich in Szene gesetzt werden.

Datingportal: www.handicap-love.de

„No more Tabus – Sex mit Behinderung“ – Reportage von Andrea Gentsch

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