Lady Johanna: „Paare stehen sich oft im Weg“

Lady Johanna / Credit: Lady Johanna

Lady Johanna führt in Hamburg ein vielseitiges SM-Studio in dem alles ein Zuhause bekommt,
was vom Mainstream abweicht und somit als „pervers“ gilt. Zu diesen vorurteilsbehafteten Vorlieben gehören auch das sogenannte Adultbabyplay und die Windelerotik.

Sich umsorgt fühlen 

Eines zur Erklärung vorweg: Adultbabyplay ist eine spezielle Art des Age Plays und hat so gar nichts mit Pädophile zu tun. Adultbabyplay bezeichnet ein Rollenspiel, in der man wieder ein kleines Kind sein kann und gehegt und liebevoll umsorgt wird. Der umsorgte Part ist in der Rolle des Unterlegenen, ist im Laufstall oder im Babybett untergebracht, wird von der Mutter saubergemacht und gewickelt, in den Arm genommen, in den Schlaf gewogen.

Lady Johanna, die in ihrem Diaper Studio dieses besondere Ausleben anbietet, ist seit sieben Jahren als Domina geoutet: „Jeder weiß, was ich mache.“ Bevor wir das Interview machen, legt sie Wert auf eine Feststellung: „Sollte sich das Interview nach Art von RTL 2 gestalten und ICH als Mensch nicht zur Geltung kommen, hat ein Anruf zwichen uns keinen Zweck.“ Interview-Anfragen bekommt die Domina häufig, Ziel ist jedoch meist die zoohafte Vorführung. „Wir zeigen gerne mit dem Finger auf andere, weil wir uns dann besser fühlen“, weiß sie aus ihrer Praxis. Denn wenn es andere gibt, die es schlechter erwischt haben, die noch „perverser“ sind, dann fühlen wir uns besser.

Akzeptiert werden, wie wir sind

Credit: Lady Johanna

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Viele Gäste der klassischen unberührbaren Domina sind mittlerweile zu guten Freunden geworden. Sie hat sie unter dem Druck der Gesellschaft sehr leiden sehen und bietet ihnen eine Art Zufluchtsort, an dem sie so sein können, wie sie nun einmal sind. Lady Johanna kennt keine richtigen Namen, und der ist bei ihr auch nicht so wichtig. „Das da draußen zählt hier bei mir nicht“, erklärt sie, und ihre Gäste wissen das zu schätzen: „Ich habe sehr innige, aber auch sehr traurige Momente mit meinen Gästen erlebt.“ Bei ihr finden sie die Wertschätzung und Intimität, die sie in ihren Beziehungen oftmals nicht finden.

Adultbabyplay ist die Rückkehr in eine unbeschwerte Zeit, in der wir noch umhegt und liebevoll umsorgt werden. Es ist die Zeit, in der wir noch unbelastet von den alltäglichen Problemen waren, wir dem Erwartungsdruck noch nicht in dieser Intensität wie als Erwachsener entsprechen müssen. Vor allem Männer müssen bei ihr nicht mehr nur stark sein, so wie es die Gesellschaft, und möglicherweise auch die Partnerin zu Hause verlangt: „Es ist eine große Last, die auf Männer einwirkt.“ Denn sie haben eine berechtigte Angst: In ihrer Beziehung zu Hause nicht so angenommen zu werden, wie sie sind. „Wir haben alle ein kleines Kind in uns“, so Lady Johanna, und bei ihr können Gäste die positiven Erinnerungen an diese Zeit wieder erleben. Es gibt aber auch Menschen, die diese Zeit auch nachholen müssen, da sie keine guten Erinnerungen daran haben.

Anfangen, dem Partner zuhören zu wollen

Credit: Lady Johanna

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Es sind mehr Männer als Frauen, die ihre Vorlieben bei ihr ausleben: „Ich denke, Frauen haben es einfacher, jemanden privat zu finden.“ Lady Johanna ist immer wieder entsetzt, wenn sie Anfragen von sehr jungen Gästen erhält. Sie rät ihnen, lieber zuerst zu versuchen, ihre Wünsche privat auszuleben. Ganz so einfach ist das jedoch nicht. „Ich denke, dass es am mangelnden Zuhören der Frauen liegt“, analysiert sie. Frauen machen ihrer Meinung nach sogleich dicht, wenn sie von den „Perversionen“ ihrer Männer hören, anstatt sie auf ihrer Reise zu ihrer sexuellen Erfüllung zu begleiten. „Frauen nehmen alles immer gleich persönlich“, weiß sie aus ihrer Praxis: Reiche ich nicht aus? Bin ich nicht gut genug? Habe ich etwas falsch gemacht? Erst wenn Frauen aus dieser Praxis ausbrechen, erleben sie gemeinsam mit ihrem Partner Intimität. Denn beide können sich dadurch fallen lassen, einander vertrauen, und ehrlich miteinander umgehen – ohne Konsequenzen zu fürchten: „Es ist doch schön, zu sehen, wenn mein Partner glücklich ist. Und das alleine sollte zählen.“

Die Praxis sieht heute aber mitunter anders aus: Sexualität und Liebe werden getrennt. „Meine Gäste lieben ihre Frauen dadurch nicht weniger“, so Lady Johanna, „Aber sie stehen sich dadurch im Weg.“ Denn es führt dazu, dass Paare diese intensiven Momente, die sie mit ihren Gästen teilt, nicht gemeinsam erleben werden. Das Internet, die VIRTUAL Reality, stellt ihrer Meinung nach eher die Realität dar: „Denn die meisten leben online aus, wer sie wirklich sind.“ In der Anonymität, denn in der Realität würden sie es nicht zustande bringen. Eine Strategie, die die Domina für sich ablehnt: „Ich lebe lieber“, lacht sie im Interview, „Ich versuche, mich nicht selbst zu täuschen.“

Genau diese sichere Umgebung – wie in der Anonymität des Internets – finden ihre Gäste bei ihr im Studio. Oft ist sie nicht nur Domina oder Windelmutti, sondern auch der beste Freund, dem man alles erzählen kann: Von der Einsamkeit, dass man unglücklich ist. Mit der man aber auch die schönen Zeiten teilt: Das „Fliegen“, und den Moment, in dem die Welt da draußen völlig egal ist – und man so sein kann, wie man ist.

Mehr zu Lady Johanna erfahren: 

Blog von Lady Johanna

Radiointerview „Menschenleben – Geschichten aus anderen Welten“ (ca. 1 Stunde)

1 Kommentar zu Lady Johanna: „Paare stehen sich oft im Weg“

  1. Pornolippe // 1. März 2015 um 0:20 // Antworten

    Endlich mal wahre Worte. Hier wird nicht das übliche Klischee bedient, es sind tatsächlich Lady Johannas Worte.
    Als ich von dem Interview erfuhrIch hatte ja etwas Angst,bin jetzt aber sehr positiv überrascht.
    Ich bin immer wieder sehr gerne bei Ihr, weil es jedesmal etwas ganz besonderes für mich ist.
    All diese Fingerzeiger sollten erstmal vor ihrer eigenen Haustür kehren und sich nicht über andere aufregen. Und nicht allzuviel auf die Berichterstattungen des erwähnten TV Senders geben.
    Solange solche „Reportagen“ gemacht werden, wird sich aber wohl nichts ändern.
    Es kommt nicht auf die Wahrheit an, sondern auf die Quote. Schade!
    Hier ist wirklich die Ausnahme zu lesen.
    Lady Johanna gelingt es, Fetische, die für manch einen als „pervers“ gelten, ganz normal erscheinen zu lassen.

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