Feminist Porn Book: Viva la vulva!

**Das Feminist Porn Book, Standardwerk der sex-positiven Frauenbewegung, gibt es nun auch in der deutschsprachigen Übersetzung. Was verstehen sexpositive Frauenaktivist/innen aus der Erotikbranche und  Wissenschaftler/innen unter Pornografie, und wie führen Feminist/innen Regie? Das Buch gibt auch Einblick in die "Pornokriege" der 80er Jahre und stellt Pornografie als Form des Ausdrucks dar, in der auch Frauen Macht und Lust produzieren. Frauenaktivistin Laura Méritt im Interview, wie es um die feministische Pornografie steht.

vlnr: Laura Méritt, Margarita Tsomou (Missy Magazine) und Sadie Lune (Pornartist) / Credit: Polly Fannlaf

gosensual: Aus welchem Grund liegt dir die deutsche Übersetzung von Feminist Porn Book am Herzen?
Laura: Dieses Buch ist ein Meilenstein in der sex-positiven Bewegung, da es zum einen Pornografie als seriöses Forschungsthema etabliert (unter den Herausgeberinnen sind 3 Professorinnen), zum anderen wird Pornografie auch als kulturelles Phänomen gesellschaftlich wahrgenommen und auch eine andere als die herrschende männliche und stark normierende Sex-Geschichte geschrieben. In der deutschen Ausgabe habe ich zudem noch eine Einführung und einen Artikel zur europäischen sex-positiven Bewegung geschrieben.

gosensual: Welchen Stellenwert hat feministische Pornografie heute am Markt verglichen mit der Massenware, die produziert wird?
Laura: Einen zunehmend wachsenden! Der herkömmliche Markt ist am untergehen, auch weil im Internet alles frei zugänglich ist und man jederzeit und ungefragt zugespritzt wird. Feministische, PorYes-Filme oder auch Fairporn dagegen erfreut sich einer wachsenden Zahl von Interessierten. Die stereotypen Spritz-ins-Gesicht-Filme haben einfach auch ausgedient und die Leute haben den Kanal voll davon.

gosensual.at: Ich habe die Biografie von Petra Joy gelesen, in der sie beispielsweise auf die Probleme im Vertrieb/in der Vertriebsstruktur eingeht. Welchen Problemen sieht sich feministische Pornografie generell heute gegenüberstehen? Gibt es Lösungsvorschläge dazu?
Laura: Durch das Internet sind die Vertriebswege vielfältiger geworden, aber in Mainstream Läden und im Mainstream Versand geht es immer noch sehr sexistisch und rassistisch zu. Wie immer hilft es, in kleinen Läden zu kaufen und nicht bei Amazon und Co. Damit wird nicht nur die Vielfalt der kleinen Läden unterstützt, sondern sich auch nicht deren Zensurmaschine ausgeliefert. Der Verdienst geht auch direkt an die unabhängigen Pornofilmmacher/iinnen, somit wird auch hier die Vielfalt der (künstlerischen) Ansätze unterstützt.

gosensual: Hochaktuell wird in Großbritannien vor allem die weibliche Sexualität aus Pornos verbannt. Hast du Vermutungen, warum diese Thematik ein derart großes Problem in diesem Land darstellt? Welche Folgen hat das nun für die Branche?
Laura: Ich kann es mir nicht erklären, warum weibliche Ejakulation oder sog. „Facesitting“ so bedrohlich sind. Einziger Grund ist wohl, dass Frauen keine selbstbestimmte Sexualität leben sollen, um letztendlich auch die patriarchale Bevölkerungspolitik und Herrschaft zu garantieren.

gosensual: Was gibt es Positives zu berichten – was hat sich deiner Meinung nach positiv entwickelt?
Laura: Durch die Verleihung des PorYes-Feminist Porn Awards und durch das Anwachsen der sex-positiven Bewegung kommen andere Kriterien für Pornos und damit auch für die Darstellung von Sexualität in die Öffentlichkeit. Es wird stärker über Sex, auch im privaten Zusammenhang, diskutiert und das ist der richtige Schritt in eine sex-positive, erotische Kultur. Wir können schließlich auch die Aufklärung nicht dem Mainstream-Porn überlassen, die es mehr schlecht als recht machen.

gosensual: Gibt es Pläne für die Zukunft?
Laura: Zur Zeit haben wir eine Ausstellung im Schwulen Musuem „Porn that way“, die direkter Ausdruck des Erfolgs der sex-positiven Frauenbewegung ist. Auch die schwule Kultur, die ja auch eine männliche und stark patriarchale Struktur aufweist, hat sich geöffnet für andere Gender und wir haben einen großen Teil dieser Ausstellung mit unseren sexual- und auch gesundheitspolitischen Ansätzen füllen können. Und nächstes Jahr von 16-18. Oktober 2015 gibt es wieder unseren PorYes-Award, da werden wieder unterschiedliche Personen oder Produktionen aus verschiedenen Generationen und Kulturen geehrt und „Herstory of Porn“ weiter geschrieben. Viva la vulva!

Zu Laura Méritt:

Laura Méritt ist eine deutsche Kommunikationswissenschaftlerin und Aktivistin der Frauenbewegung. Sit vertritt den sexpositiven Feminismus, der freien Zugang aller zu sexuellen Informationen und Unterstützung in der jeweiligen individuellen sexuellen Entwicklung vorsieht. In ihrer Arbeit setzt sich besonders für die Gleichstellung von transgender, transsexuellen, intersexuellen, lesbischen, bisexuellen und schwulen Personen ein, ohne heterosexuelle Personen auszuschließen. In Vorträgen und Workshops versucht sie, sexuelle Vielfalt durch die vorbehaltlose Einbeziehung aller sexuellen Praktiken zu lehren. Méritt ist Repräsentantin der PorYes-Bewegung, die für eine positive Darstellung von Pornographie, besonders der weiblichen Sexualität eintritt.

Feminist Porn Book Band I und II sind im Online-Shop sexclusivitaeten.net oder im gut sortierten Fachhandel um je EUR 14,99 erhältlich.

 

 

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