Wenn Wolle zum Fetisch wird

**Mit dem Smart Café in der Wiener Köstlergasse, dem ersten und bisher einzigen Sadomasochismus- und Fetisch-Café, hat Gründer 'Conny' eine Marktnische besetzt und seine persönlichen Vorlieben zum Beruf gemacht. Der bekennende Woll-Fetischist im Interview.

Lammwolle, Credit: Shutterstock/Roy

Du hast mit dem Smart Café eine wichtige Wiener Institution geschaffen, in dem Fetische Raum zur Umsetzung finden. Seit wann ist dir eigentlich dein Woll-Fetisch bekannt?

Ich bin in den 70er Jahren aufgewachsen und habe oft das Gewand von meiner älteren Schwester getragen. Es gab damals einen großen Unterschied zwischen Wollgewand für Burschen und für Mädchen. Die eigene, kratzige Kleidung habe ich gehasst, sie zu tragen war fast eine Bestrafung. Das Wollgewand meiner Schwester war viel weicher, etwa aus Angorawolle. Irgendwann muss ich gemerkt haben, dass ich dieses leicht kratzige Gefühl von Wolle auf meiner Haut sehr mag und habe dann begonnen, es in die Autoerotik einzubauen.

Angorahase - begehrtes Fell; Credit: Shutterstock

Angorahase – begehrtes Fell; Credit: Shutterstock

Viel bewusster wurde es mir in der Pubertät. Damals gab es ja noch kein Internet, wir haben uns durch Magazine wie Penthouse und Playboy geblättert. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich nicht ticke wie die anderen Burschen. Die Bilder der angezogenen Frauen haben mich mehr erregt als die der Ausgezogenen, vor allem im Winter wenn sie zum Beispiel Rollkragenpullis anhatten. Das hat sich immer weiterentwickelt – ich habe gespürt, ich bin anders.

Ich hätte mich damals aber nicht getraut, der Freundin von meiner Neigung zu erzählen. Frauen geben sich ja große Mühe, um für den Mann attraktiv zu sein. Es wäre ein Unding gewesen, ihr zu sagen, dass es für mich erregender ist, wenn sie Wollsocken anhat. Es war Ausdruck einer gegenseitigen Sprachlosigkeit. Man macht das, was man glaubt, was richtig ist. Und nicht, weil man es will und erregend findet.

Wann kam dann das Outing? Wann bist du zu deinem Fetisch gestanden?

Mit 17 Jahren hatte ich meine schwule Phase, und bei Männern bin ich zum ersten Mal dazu gestanden. Damals waren es noch die Wollpullis, heute besitze ich ja entsprechende Fetischbekleidung.

Ich bin später zu Dominas gegangen und wollte es mit dem erotischen Spiel verknüpfen. Man wird als Kunde ja gefragt, was sie anziehen sollen – ich bin Frauen gegenüber aber eher zurückhaltend. Erst bei Dominas, denen ich vertrauen konnte, konnte ich mich öffnen. Ab dann war es kein Problem und ich bin sehr offen damit umgegangen.

War diese Offenheit jemals ein Problem?

Man hat ein Mal versucht, mich beruflich zu diffamieren. Aber seit ich das Smart Café führe, ist das nicht mehr möglich.

Es gibt aber auch in der SM- und Fetisch-Szene einen Mainstream, etwa Lack, Leder, Gothic, und dergleichen. Wenn man von diesem Mainstream abweicht, ist man quasi der „Perverse unter den Perversen“. Ein Woll- oder Fuß-Fetisch ist gesellschaftlich weniger anerkannt. Es gibt eine Sehnsucht nach Normalität, eine Abgrenzung von Ausgrenzung. Und Wolle wird gemeinhin nicht als erotisch wahrgenommen, es fehlt einfach der erotische Zugang.

Wie ist dein erotischer Zugang zu Wolle?

Ich bin ein aktiver Fetischist, ich trage selbst gerne Wolle. Etwa 99% der Wollfetischisten sammeln und tauschen Bilder, etwa von Pornos, Celebrity-Foren, Filmszenen, Modenschauen oder auch aus der Winterkollektion von Versandhäusern. Das reicht mir nicht, ich bin gerne selbst aktiv. Bei vielen Woll-Fetischisten weiß es der Partner/die Partnerin nicht, und Professionelle kosten Geld. Da bleiben meist nur die Bilder übrig.

Das Spannen ist generell eine männliche Form der Sexualität, weil es körperlich keine anderen Möglichkeiten gibt. Die gesamte Pornoindustrie mit ihren Peepshows und Pornos würde nicht existieren, wenn der Mann nicht in seiner Erektionsfähigkeit limitiert wäre. Weiters leiden viele Männer ja unter vorzeitigem Samenerguss. Mit den Bildern können sie trotzdem ihre Sexualität ausleben.

Frauen und Männer haben einen anderen Zugang  zu Fetischen?

Credit: Shutterstock

Credit: Shutterstock

Die meisten Männer, die ich kenne, haben einen Fetisch, etwa für große Busen. Ich kenne aber kaum einen weiblichen Fetischisten. Frauen haben Vorlieben, ziehen gerne etwas Bestimmtes an. Männer sind viel extremer, bei ihnen ist es ein wirkliches Begehren.

Frauen gehen nicht so sehr wie Männer auf das Optische, aber sie selbst kommen quasi nicht aus. Denn Wolle ist Alltagsbekleidung, ein Latexfetischist muss erst in Fetisch-Shops oder auf Parties gehen. Ein Fetisch auf einen Alltagsgegenstand kann aber auch ein Fluch sein, wenn es beispielsweise zu einem Problem im sozialen Zusammenleben kommt. Es kommt daher sehr darauf an, ob man seinen Fetisch kontrollieren kann.

Denn stell dir einen Fetischisten vor, den Frauen in Bürokostümen erregen – und der im Großraumbüro arbeitet. Frauen ist diese Möglichkeit gar nicht bewusst, denn sie haben gelernt, dass sie in Dessous aufregen, und nicht in Businesskleidung. Aber diese gesellschaftlichen Dresscodes lösen sich – auch durch das Internet – nach und nach auf. Diese Grenzen gibt es heute nicht mehr; im Positiven, wie auch im Negativen.

Was würdest du einem Wollfetischisten raten, der seine Neigung gerade eben entdeckt hat?

Sucht Kontakte in der Szene, in SM- und Fetisch-Gruppen. Diese haben zumindest Verständnis für Fetische und sie können helfen, Partner zu finden, die meinen Fetisch mit mir umsetzen. Um eine Vorliebe in die Erotik einzubauen, sollte man generell wissen, was man mit dem Fetisch verbindet. Ist es Bestrafung, oder Belohnung? Verbinde ich es mit Weiblichkeit, geht es mir um das Material? Oder hat es eher transvestitischen Charakter wie beim amerikanischen Regisseur Ed Wood?

Wie kann ich den Fetisch in meine Beziehung einbauen, ist er im Alltag umsetzbar? Verstöre ich meinen Partner, meine Partnerin, was kann ich zumuten? Es hängt zum Beispiel auch davon ab, ob ich Single oder seit 10 Jahren verheiratet bin. Denn wie reagiert mein Partner, wenn ich meinen Fetisch nach vielen Jahren der Beziehung plötzlich zugebe? Hier muss das Zusammenleben neu verhandelt werden.

Danke für das Gespräch – das 1. Wiener SM- und Fetisch-Café findet ihr in der Köstlergasse 9, 1060 Wien.

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