WTF is… Fetischismus

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Die Welt der Fetische ist wie ein englischer Garten: Im Prinzip gibt es eine unendliche Vielfalt an Fetischen, es gibt immer wieder Neues zu entdecken. Laut Definition ist sexueller Fetischismus eine Art sexuelle Devianz oder „abweichendes Verhalten“, bei der unbelebte Gegenstände oder auch Materialien und Körperteile stimulierend wirken und der sexuellen Erregung und Befriedigung dienen.

Bereits die Verwendung des Wortes „Devianz“ zeigt, wie es um die gesellschaftliche Akzeptanz von so manch Fetisch steht – auch wenn einige sexuelle Vorlieben durchaus akzeptiert sind. Dabei entstammt der Begriff „Fetisch“ einem viel entspannteren Zugang: nämlich aus dem portugiesischen Begriff feitiço für „Zauber“ oder „Zaubermittel“.

Gesellschaftliche Normen und Etikettierungen

Einige Fetische wirken erst durch die Kombination mit bestimmten Szenen und Rollenspielen - Credit: Shutterstock

Einige Fetische wirken erst durch die Kombination mit bestimmten Szenen und Rollenspielen – Credit: Shutterstock

Die Verknüpfung mit der Definition „abweichende Verhaltensweisen“ zeigt die Stigmatisierung und Etikettierung auf. Es ist ein Werturteil, und es steht in direkter Verbindung zu gerade gültigen gesellschaftlichen Normen und Wertvorstellungen. Oftmals ist damit auch die Frage verbunden, ob und ab wann ein Fetisch lediglich eine sexuelle Vorliebe oder eine zu behandelnde Störung ist. In der Psychoanalyse wird der sexuelle Fetischismus erst dann als therapiebedürftig verstanden, wenn die sexuelle Befriedigung ohne Verwendung des Fetisch nur erschwert oder gar nicht möglich ist und dadurch ein Leidensdruck entsteht.

Prinzipiell kann jeder Gegenstand oder jeder Körperteil zum Fetisch werden. Die unterschiedlichsten Materialien wie etwa Leder können über den Geruchssinn, über die Optik oder auch Haptik stimulierend wirken. Besonders häufig finden sich Fetische bei Materialien wie Leder, Pelz, Wolle, Mohair, Seide, Nylon, Satin, Lycra und Kunststoffe wie Lack, Latex und Gummi. Beim „body worship“ zählen zu den ‚angebeteten‘ Körperteilen oftmals Füße, Beine, Haare, Pobacken, Busen, Achselhöhlen oder Ohren.

Einige Fetische wirken erst durch die Kombination mit bestimmten Szenen und Rollenspielen, es kann aber auch eine Übertragung von Eigenschaften stattfinden: So wird etwa angenommen, dass Schuluniformen vor allem deswegen zum Fetisch werden, weil sie dem Stereotyp des jungen Schulmädchens entsprechen.

Alles kann, nichts muss 

Auch innerhalb der Szene gibt es eine Art ‚Mainstream’: Es gibt gesellschaftlich eher akzeptierte, und auch innerhalb der Fetisch-Community als ‚pervers’ konnotierte Fetische. Am häufigsten scheinen Fetische bei Kleidungsstücken aufzutreten. Oft betroffen sind Schuhe, Strümpfe und Strumpfhosen, Unterwäsche, Uniformen, oder auch Accessoires wie Piercings. Fetische, die keine Kleidungsstücke betreffen, scheinen demnach weniger verbreitet zu sein – leider auch mit dem Effekt, auch innerhalb der Community stigmatisiert zu sein. Das können etwa Militärorden, Gipsverbände, künstliche Gliedmaßen wie Prothesen aber auch Rollstühle sein. Solange aber all diese Ausprägungen der menschlichen Sexualität anderen Menschen keinen Schaden zufügen und zwischen den Partnern Konsens über die Praktiken herrscht, sollte das Prinzip „Leben und leben lassen“ gelten.

Auf Grund der mangelnden Behandlungsbedürftigkeit vieler Fetische ist auch nicht bekannt, wie weit sexueller Fetischismus verbreitet ist. Durch mehrere bestätigte Diagnosen ist gesichert, dass Fetische bei beiden Geschlechtern auftreten. Es fällt aber auf, dass Fetische verstärkt bei Männern aufzutreten scheinen – für diese Behauptung bzw. Beobachtung liegen Auswertungen der Geschlechteraufteilung in Chatrooms sowie die Informationen zu stationären Krankenhausaufenthalten auf Grund von Unfällen vor.

Zu den Ursachen fetischistischen Verhaltens existieren mehrere Theorien, keine davon ist allumfänglich anerkannt. Viele Fetische scheinen sehr früh zu entstehen, möglicherweise durch Konditionierung oder Prägung, andere entstehen später oder können auch an einem konkreten Ereignis festgemacht werden. Studien zu Fetischen sind mit Vorsicht zu behandeln, da vorgefertigte Meinungen wie die massiver „Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen“ vorliegen können. Natürlich können Fetische Begleiterscheinung einer komplexen psychischen Störung sein – die Betonung liegt aber auf „können“, nicht müssen.

Woher stammt der Begriff?

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Sexuelle Fetische wurden erstmals 1887 in ihrer Bedeutung vom französischen Psychologen Alfred Binet erkannt, seine Arbeit „Le Fétichisme dans l’amour“ blieb aber lange Jahre ungeachtet. In Fachkreisen gewann der Begriff in Folge aber immer mehr an Bedeutung: So nannte der Psychiater und Rechtsmediziner Richard von Krafft-Ebing bereits 1912 die sexuelle Hingabe an einen einzelnen Körperteil Fetischismus, bekannt wurde er aber erst durch die Verwendung in den psychoanalytischen Betrachtungen Sigmund Freuds. Nach 1927 wurde der Begriff  zwar verstärkt verwendet, dieser war jedoch negativ besetzt: Der sexuelle Fetischismus wurde als krankhafte Abweichung verstanden. Karl Marx‘ Idee des „Warenfetisch“ trug zwar zur weiteren Verbreitung des Begriffs bei, jedoch negativ besetzt.

Eine Veränderung brachte erst die sexuelle Revolution in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit sich. Enttabuisierung und die zunehmende Toleranz und Akzeptanz der sexuellen menschlichen Bedürfnisse in ihren mannigfaltigen Ausprägungen veränderte die Sicht auf die menschliche Sexualität: Was vom eng definierten Korsett gesellschaftlich akzeptierter Neigungen abwich, wurde nicht mehr automatisch als psychische Krankheiten gewertet. Daher ist nach heutigem Verständnis ein Fetisch nur dann eine psychische Störung, wenn der Betroffene darunter leidet und eine absolute Fokussierung der Sexualität darauf stattfindet. Ein Behandlungsbedarf wird vielfach erst dann diagnostiziert, wenn die Betroffenen unter diesen Phantasien und Verhaltensweisen leiden – etwa bei der sozialen Kontaktaufnahme oder auch in der Erwerbsfähigkeit.

Die Internetrevolution

Saliromanie, die Liebe zum Beschmutzen (Credit: Shutterstock)

Saliromanie, die Liebe zum Beschmutzen (Credit: Shutterstock)

Das Internet hat auch im Bereich der Fetische einen enormen Wandel vorangetrieben: War es vor Jahren noch schwierig, mit Gleichgesinnten in Kontakt zu treten, so reicht heute eine Google-Suche, um Blogs und Foren zu finden. Mittlerweile haben sich viele Fetisch -Szenen, -Communities und -Subkulturen entwickelt. Dadurch finden Fetischisten die Unterstützung, die ihnen zur Ausübung, aber auch Bewältigung von Problemen verhilft.

Trotz diesem Wandel ist es für viele Fetischisten aber auch heute noch schwierig, mit dem Partner/der Partnerin über die sexuellen Vorlieben zu sprechen. Vor allem ungewöhnliche, gesellschaftlich weniger akzeptierte Fetische werden daher auch heute noch im Verborgenen und unter dem schützenden Mantel der Anonymität ausgelebt. Oftmals ist das Ausleben des Fetisch in der Partnerschaft nicht möglich und es fehlt die finanzielle Ausstattung, um die Vorlieben zum Beispiel mit professionellen SexworkerInnen auszuleben.

Die Pornoindustrie lebt zu einem Gutteil von ihrer Klientel, die sich sexuelle Befriedigung alleine durch das Zusehen verschaffen. Mittlerweile bekommen die Unternehmen aber harte Konkurrenz aus dem Internet, in dem immer mehr private Videos oder Fotos zu finden sind – zu allen nur erdenklichen Sexualpräferenzen. Es gilt aber immer noch: Je kleiner die Nische, desto höher die Wahrscheinlichkeit, für pornografisches Material zahlen zu müssen.

 

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