Filmrezension: 50 Shades of Grey

**gosensual war zu Gast bei der Gala-Premiere zu "Shades of Grey" des Wiener Eventveranstalters Erotisch Reisen. Im UCI Millenium Tower gehörte der erste Stock ganz der erotischsten Filmpremiere des Jahres - und das galt zumindest für den Empfang für Liebhaber der stilvollen Erotik. Denn der Film spaltete hernach die Gemüter: Von einer ausgewogenen Darstellung sadomasochistischer Sexpraktiken ist der Film weit entfernt - SM ist im Film nicht lustvolle Ausdrucksmöglichkeit menschlicher Erotik, sondern Ausdruck krankhafter Psychosen.

Bei der Gala-Premiere zu Shades of Grey - dem Anlass entsprechend gestylt... Credit: Esther Crapélle / Atelier Mystique

Die 50 Facetten der Langeweile

Die Londoner Feuerwehr macht sich nach dem Kinostart Sorgen: Seit der Trilogie gibt es vermehrt "Handschellen-Einsätze" / Quelle: Twitter.com

Die Londoner Feuerwehr macht sich nach dem Kinostart Sorgen: Seit der Trilogie gibt es vermehrt „Handschellen-Einsätze“ / Quelle: Twitter.com

Die Trilogie „Shades of Grey“ wurde in Interviews mit Playern aus der Szene tendenziell verrissen: Der „Mommy Porn“ wird als wenig realitätsgetreu und langweilig beschrieben. Mit SM hat das Werk jedenfalls wenig zu tun, andere Disziplinen versuchten sich an weiterführenden Analysen. So hat die Soziologin Eva Illouz dazu das Buch „Die neue Liebesordnung“ veröffentlicht und sieht im Film ein weitverbreitetes sozio-kulturelles Problem zugleich dargestellt – und gelöst: Moderne Beziehungen auf Augenhöhe sind mühsam und kompliziert, es existiert eine Sehnsucht der Beziehungspartner nach klaren Rollen. Den Sklavenvertrag sieht Illouz als Alternative zur „ergebnisoffenen Beziehungsarbeit.“ Das erklärt wohl den Erfolg des literarisch nicht besonders hochstehenden Produkts.

Die Trilogie hat aber nicht nur den Sadomasochismus (oder das, was Autorin E.L. James darunter versteht) und die rosaroten Plüschhandschellen in die Betten dieser Welt gebracht, es hat auch die Bücherszene gewandelt. Als eines der ersten erotischen Werke wurde es nicht in den Bücherregalen versteckt, sondern selbst bei Buchmessen groß präsentiert. Mit dem Filmstart des ersten Teils wurde durchaus auch die Hoffnung formuliert, er möge dem konsensualen Sadomasochismus aus der Schmuddelecke behilflich sein, in die ihn Medien immer wieder gerne abstellen.

Enttäuschte Erwartungen

Liebhaber der stilvollen Erotik warfen sich daher erwartungsfroh am Donnerstag in Schale bzw. ins geschnürte Korsett, um dem Film die stilgerechte Aufwartung zu machen. Und auch wenn wir von gosensual keine besonderen Erwartungen an den Film stellten (die Vorlage ist ja auch nicht gerade ein Beispiel an Facettenreichtum und Spannungsbogen), so waren wir von der filmischen Umsetzung entsetzt.

  • Im Buch schlägt zumindest das Kopfkino an: Der erste Teil war wie ein erotisches Gewitter, das auf die naive (eh klar: jungfräuliche) Ana herabkam. Orgasmen, wohin man auch blätterte. Der Film ist im Vergleich dazu gähnend langweilig, die Darsteller sind mit ihren Rollen auch völlig überfordert. Dakota Johnson snieft sich glubschäugig durch den Film, Jamie Dornan nimmt man die Rolle des dominanten millionenschweren Unternehmers einfach nicht ab.
  • Natürlich führt SM an die eigenen Grenzen, ist intensiv und kann auch mit Schmerzen verbunden sein, aber die US-amerikanischen Sittenwächter haben dem Werk sämtliche erotischen Fangzähne gezogen. Übrig blieb ein glattes und kühles Beziehungs-Drama, das vor allem eine Frage intensivst durchkaut: Wie kann ich am effizientesten am Partner vorbeiagieren. Die Darstellung weiblicher Lust ist ja generell ein Tabuthema, in Kombination mit SM – puh, das war vermutlich zuviel des Guten.
  • Der Film macht dem konsensualen Sadomasochismus keinen Gefallen, denn die Sittenwächter haben nicht nur jede Spur von Erotik vorsorglich entfernt. SM wird nicht als lustvolle Spielart der Erotik kommuniziert, sondern als Ausdruck von krankhaftem Kontrollzwang, als Folge von Missbrauch und Psychosen. Genau das steht nicht nur im krassen Widerspruch zur Realität, sondern auch zur Kommunikation des Films. Ein Beispiel ist der Soundtrack zum Film: Ellie Gouldings Video zu „Love me like you do“ ist voller erotischer Anspielungen, voller Lust und Leidenschaft. Beyoncé’s Adaption zu „Crazy in Love“ ist zwar schwermütig, der Schmerz, aber auch der Sex ist direkt greifbar.
  • In diesem Zusammenhang wird auch die Story heftig: Denn SM sollte konsensual über die Bühne gehen, und das habe ich beim Film vermisst. Die jungfräuliche Ana hat ja überhaupt eine Erfahrung mit Sexualität, geschweige denn mit SM. Sie wird flugs vom schnuckeligen millionenschweren Unternehmer defloriert und nicht langsam in die Erotik eingeführt. Sie beschäftigt sich erst einmal mit einem Sklavenvertrag. Da war doch noch etwas im Mittelteil.
  • Der Autorin E.L. James wurde umfassendes Mitspracherecht eingeräumt – sie konnte jede Entscheidung von Regisseurin Sam Taylor-Johnson blockieren. Die Dame hatte damals beim Verfassen ihres Machtwerks schon keine Ahnung von Spannungs- und Handlungsbögen, Filme zu inszenieren sollte sie hinkünftig auch lassen. Es wird nun übrigens kolportiert, dass die weiteren Teile trotz Vertrags mit Taylor-Johnson anderweitig inszeniert werden. Eine unglückliche Regisseurin und die permanenten Kämpfe mit der Autorin der Trilogie haben dem Werk dann auch den allerletzten Flair genommen.

Auch Veranstalter Alfred W. zeigte sich vom Film wenig beeindruckt: „Aus meiner Sicht ist bei aller Romantik der Aschenputtel-Geschichte eines völlig falsch dargestellt: BDSM ist nicht die Verführung unerfahrener Mädchen zu Spielen der besonderen Art. Und eine Beziehung, die sich darauf gründet, hat nicht so zu enden wie der Film.“

Fazit: Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.  

 

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