Die „Demokratisierung“ des Sadomasochismus

Credit: Lady Sky

Lady Sky ist in der BDSM-Szene eine fixe Größe: Die Domina führt im Herzen von Linz das Studio Avatar und ist Organisatorin des SM-Balls Nox Noctis. gosensual hat die Domina in ihrem Atelier besucht
und sie über die Szene, die rechtliche Situation und „Shades of Grey“ befragt.

„Erhobenen Hauptes Sexualität ausleben“

 Avatar ist laut eigenen Angaben das einzige Studio in Linz. Es gibt immer wieder Versuche, kleine Studios in der oberösterreichischen Landeshauptstadt zu etablieren – aber sie kommen, und gehen auch wieder. Dieses Studio macht den Eindruck eines durchdachten Konzeptes, es ist aufwendig gestaltet: Neben einer Bar und einem Spielzimmer mit vorgelagerter Lounge verfügt das Studio über einen eigenen, gut ausgerüsteten Klinikraum. „Kunden sollen sich bei mir wohlfühlen“, erklärt Lady Sky, warum sie auf die Details achtet. Die Domina bietet klassische unberührbare Dominanz an und ist schon sehr lange in der Szene verankert, war davor in einem großen Münchener Studio aktiv. SM alleine in privaten Beziehungen auszuleben, wäre der Domina zu wenig facettenreich. Dennoch achtet sie darauf, diesen Service nur nebenbei anzubieten. Mit SM Geld verdienen müssen, würde bedeuten, jeden Gast anzunehmen. Und das ist nicht ihr Ziel: „Ich kann mir meine Gäste aussuchen.“

Das Studio liegt versteckt im Keller eines Hauses, Lady Sky achtet stark darauf, dass sie mit ihren Nachbarn ein gutes Auskommen findet. Denn leicht hat es die Szene nicht. „SM haftet immer noch ein Schmuddelimage an“, diese Vorverurteilung hat sie immer schon gestört. Sie wünscht sich, dass „Menschen ihre Sexualität hoch erhobenen Hauptes ausleben können.“ Beim Anblick mancher TV-Sendungen und Berichte über SM schreitet sie zur Tat und schreibt Leserbriefe an die verantwortlichen Medien. Sadomasochistische Praktiken werden gerne als bizarr dargestellt, denn das verkauft sich gut. Es ist leider einfacher, ein gängiges Klischee zu bedienen, als ein reales Bild zu zeichnen.

Ambivalent: Shades of Grey

Wenngleich Lady Sky den Weltbestseller „50 Shades of Grey“ für „Pipifax“ hält, so hofft sie dennoch auf die entspannende Wirkung, die zuerst die Bücher, und nun die Verfilmungen haben. „Künstlerinnen wie Lady Gaga und Shades of Grey haben den Sadomasochismus salonfähig gemacht“, erklärt sie. Der Bestseller, der nun in die Kinos kommt, ist eine Art Lobbying und Öffentlichkeitsarbeit für eine Szene, die über viele Jahre hinweg versteckt in einer „Halbwelt“, wie sie es nennt, agiert hat. Lady Sky sieht nun die Chance gekommen, dies zu ändern.

Credit: Lady Sky

Credit: Lady Sky

Die „Demokratisierung“ des Sadomasochismus, die durch die Trilogie angefacht wurde, hat aber auch ein paar negative Auswirkungen. Denn die Bücherreihe hat das Kopfkino der Menschen zwar angefacht, das Know-how dazu kommt aber nicht von alleine. Grundsätzlich begeistert Lady Sky zwar die Bereitschaft, zu sexuellen Praktiken zu stehen und sie auszuleben: „Völlig egal, ob SM oder nicht. Ich begrüße es, wenn sich Menschen ihrer Erotik bewusst werden.“ Die Umsetzung sadomasochistischer Praktiken verlangt jedoch Fingerspitzengefühl und Empathie, sowie das Wissen über den Körper, um Sicherheit und Sauberkeit, um ein verantwortungsbewusstes BDSM-Spiel zu gewährleisten.

Zu einem von ihr organisierten Erste-Hilfe-Kurs einer Krankenschwester kamen vor wenigen Wochen nur eine Handvoll Gäste. „Es gibt heute leider Menschen, die ahnungslos SM umsetzen“, weiß sie aus ihrer Praxis. Passieren Unfälle, heißt es dann in den Medien vermutlich wieder: Eh klar. Bizarre Spiele, die soll man eben lassen. Know-how aufzubauen ist heute aber viel einfacher als noch vor Jahren. Dazu ist ein wenig Recherche notwendig, und die Autorin dieser Zeilen nimmt auch an, dass es punkto Workshops ein Ost-West-Gefälle gibt. Aber grundsätzlich ist es möglich und auch notwendig, sich ein Grundwissen anzueignen – und zwar bevor ein Unfall passiert. „SM ist viel intensiver, als man es sich als Außenstehender vorstellen kann“, geht die Domina ins Detail, und damit heißt es auch umzugehen lernen.

„Rechtlich keine Chance“

Als Domina agiert Lady Sky vorsichtig, die Situation behält sie immer im Überblick. „Denn bei Verletzungen habe ich rechtlich betrachtet keine Chance“, geht sie ins Detail. Die Einvernehmlichkeit, die zwischen ihr und den Kunden herrscht, wird seitens des Gesetzgebers nicht anerkannt. Einer Körperverletzung zustimmen zu können, ist im Gesetz nicht vorgesehen. Selbst eine schriftliche Zustimmung seitens der Kunden hilft hier nicht: „Jede offene Wunde ist eine schwere Körperverletzung.“ Ein Problem, das in viele Bereiche der Sexualität hineinspielt, denn eine Fallhand kann beim Seilbondage auch dem erfahrensten Rigger einmal passieren.

Credit: Lady Sky

Credit: Lady Sky

Aus diesem Grund setzt sie auch nicht immer alle Wünsche der Kunden um. Eine gute Domina hinterfragt diese Wünsche und überlegt die Folgen, die eine Umsetzung hätte. „Es kommen immer wieder Anfragen zu Verstümmelungen, Amputationen und Kastrationen“, erzählt Lady Sky. Es versteht sich von selbst, dass sie diese Wünsche ausschlägt.

Es stellt sich generell die Frage, ob Phantasien auch immer Realität werden sollen. „Es gibt immer wieder Kunden, die seitenlange Emails schreiben und lange Telefonate zu ihren Anforderungen führen“, so die Domina, „Ich habe höchste Achtung vor Menschen, die mir von ihren Ängsten, Bedenken und Sehnsüchten berichten.“ Die Realität, so weiß sie aber auch, zerstört nur oftmals die wunderschöne Phantasie, in der sich Menschen fallen lassen können. „Kopfkino bleibt Kopfkino, und das ist auch gut so“, so Lady Sky abschließend.

Mehr zum Studio Avatar erfahren

Das Studio bietet die Möglichkeit des persönlichen Austauschs. So gibt es den Bondage- und den Latexstammtisch, alle Termine findet ihr auf der Homepage www.studio-avatar.com.

 

 

 

2 Kommentare zu Die „Demokratisierung“ des Sadomasochismus

  1. Lady Sky spricht mir aus der Seele!Die Wünsche der (großteils männlichen) Sklaven gehen manchmal wirklichs ins Absurde. Einige solche Wünsche bzw. Situationen beschreibe ich auch in meiner Biografie „Der Engel mit der Peitsche“, wo z.B. Kastration und Amputation gewünscht wurde. Ich freue mich, dass es in Linz endlich ein gutes Studio gibt und darauf bei Lady Sky im Frühjahr sogar eine Lesung machen zu dürfen. VIEL ERFOLG und danke, dass du mithilfst, S/M aus der Schmuddelecke zu holen <3

  2. Liebste Julietta,

    ich dank dir für deine anerkennenden Zeilen. Mit ein Grund für die Zustimmung zu diesem Interview ist mein Bestreben, die Klischeebilder die man mit einer Domina und mit Bdsm im Allgemeinen verknüpft und die von so vielen Medien leider immer noch reisserisch genährt werden, aufzuösen und die Wahrheit über eine sehr ernstzunehmende Form der sexuellen Verwirklichung – abseits von Kindheitstraumatas oder Missbrauchshintergrund oder gar krankhafter Ausprägung – zu zeigen.

    BDSM ist kein Schmuddelthema, es ist eine Art der Sexualität, die sehr viel Einfühlsamkeit, Empathie und Respekt erfordert – kaum zu glauben, wenn man sich RTL2 und ATV u.a. in diesem Kontext zu Gemüte führt. Mein Dank gilt auch Anja nochmals für die wahrheitsgetreue und seriöse Wiedergabe meiner Worte!

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