Lust auf Berührung

**VON ATMA PÖSCHL Als Kinder im Mutterbauch sind wir maximal berührt, geborgen und versorgt. Dann kommt der Schock der Geburt: Wir sind draußen und allein. Berührungen sind uns dann Nahrung für Herz und Seele, ohne sie könnten wir als Kinder nicht überleben – und leben als Erwachsene nicht gut.

Credit: Atma Pöschl

Berührung ist eine vergessene Sprache

Berührung ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Und doch ist in unserer Welt etwas in Vergessenheit geraten, das die natürlichste Sache der Welt sein sollte: das Berühren und berührbar sein. „Früher berührte eine Mutter ihr Kind und spielte mit seinem Körper. Auch Liebende spielten mit ihren Körpern, und das war mehr als genug, tiefe Entspannung und Teil der Liebe. Aber heute,“ so provozierte der indische Mystiker Osho 1970, „ist Berührung eine der meistvergessenen Sprachen. Es ist uns fast peinlich, zu berühren,“ und wir haben Angst davor, „weil das Wort Berührung durch sogenannte religiöse Menschen verschmutzt worden ist.“

Meine Mutter hatte Angst: Sex vor der Ehe war eine Sünde, und bei meinem ersten Gynäkologenbesuch wollte sie mit mir ins Behandlungszimmer gehen. Sonntags gingen wir zur Heiligen Messe. Stattdessen hätte ich ihre Unterstützung als Mutter gebraucht, die Sexualität als Ausdruck der Liebe willkommen heißt und ihre Angst vor Berührung als Teil der eigenen Geschichte spürt. Ihre liebevolle Berührung war – soweit ich zurückdenken kann – Mangelware. Sie hatte das als Kind genauso erlebt.

Berührung wirkt Wunder

„Wir können nichts mehr für ihn tun, sagte der Arzt und legte der Mutter den toten Buben auf die Brust, damit sie und sein Vater von ihm Abschied nehmen konnten.“ So beginnt der Bericht über ein modernes Wunder, das sich im Herbst 2010 ereignete. Eine Australierin hatte dreizehn Wochen zu früh entbunden, ein Mädchen und einen Buben: Beide wogen ein Kilo, doch der Junge atmete nicht, und der Arzt versuchte vergeblich, ihn zu reanimieren. Schließlich erklärte er den Buben für tot. Die Mutter legte das Kind auf ihre Brust und redete mit ihm … zwei Stunden verbrachte sie in dieser auf intensivem, warmem Hautkontakt basierenden Haltung, zwei Stunden lang hoffte sie auf ein Wunder, bis es tatsächlich geschah: Das Baby atmete! Denn Kleinkinder brauchen körperliche Berührung wie die Luft zum Atmen.

Absichtslose Berührung sagt: „Ich bin für dich da“

Wir alle sehnen uns nach Berührung, die weder verführt noch besitzen oder beschwichtigen will, eine Berührung, die sagt: „Ich bin für dich da! Ich bin bei dir in deiner Traurigkeit, deiner Angst, deinem Kummer und deiner Freude. Ich habe keine Erwartungen, die du erfüllen musst, und stehe dir zur Seite, wie immer du dich fühlen magst.“ Werden wir als Kinder so berührt und gesehen, entwickeln wir einen hohen Selbstwert. Wir können uns dann gut in andere einfühlen und haben die Fähigkeit, stabile Freundschaften und später auch Liebesbeziehungen aufzubauen.

Viele von uns haben das als Kind nicht bekommen. Hautkontakt bedeutete allzu oft, dass man etwas von uns forderte: Selbstaufgabe, sexuellen Kontakt oder das Unterdrücken von Gefühlen. So gesellen sich Angst, Scham und angestaute Aggression zu den Zwängen einer eher berührungsarmen und sexfeindlichen Gesellschaft. All das verhindert, dass wir als Erwachsene die Berührung bekommen bzw. für uns organisieren können, die wir brauchen.

Säuglinge, die nicht berührt werden, sterben

Wenn ich hier das Wort „Berührung“ verwende, meine ich befriedigende körperliche Nähe. Berührung kann eine beruhigende Hand auf unserer Schulter sein, eine Umarmung, ein Halten oder Streicheln, und kann sich vom flüchtigen Körperkontakt bis zur massiven taktilen Stimulation beim Geschlechtsverkehr erstrecken. Geschlechtliche Befriedigung ist übrigens nicht lebensnotwendig. Doch kein Organismus kann allzu lange ohne die Berührung leben.

Säuglinge, die nicht berührt werden, sterben. Den ersten Beweis dafür erbrachte Kaiser Friedrich II. per Zufall im 13. Jahrhundert: Er ließ Neugeborene von einer Amme füttern und trocken legen – jeder weitere Kontakt mit den Kindern war der Frau verboten. Denn der Kaiser war auf der Suche nach der Ursprache der Menschheit und hoffte, die Kinder würden in völliger Isolation zu sprechen beginnen: Hebräisch, Griechisch, Latein oder gar Deutsch? Die Kinder sprachen nicht, sie starben.

Im Gegensatz zum lieblosen Experiment Friedrichs II. belegen über 100 Studien des Berührungsforschungsinstitutes in Miami positive Auswirkungen liebevoller therapeutischer Berührung: So lassen sich motorische Unruhezustände bei Säuglingen, auch nach geburtstraumatischen Ereignissen, durch Massage positiv verändern. Bei Menschen im Koma verbessern sich die Herzwerte, wenn ihre Hand gehalten wird. Und Patient/innen mit schweren Erkrankungen zeigen bei (auch) berührender Behandlung signifikante Veränderungen des Blutbildes. Schließlich hat Berührung enormen Einfluss auf die Entwicklung von Kleinkindern und Erwachsenen.

Erwachsene macht fehlende Berührung hart

Das Entscheidende eines jeden Berührungsdialoges ist die Berührungsqualität: Wie zögerlich ist Berührung? Wie steht es um die Fähigkeit des Eingehens auf den Anderen? Falsche Berührung führt bei Babies zum Weinen, sprachlosen Rückzug und zu Verwirrung, fehlende Berührung erzeugt Ohnmacht und (Auto)aggression. Jugendliche werden ohne Berührung (selbst)verletzend und gewalttätig. All das ist wissenschaftlich erforscht und diagnostiziert. Erwachsene macht fehlende Berührung hart.

Also suchen wir nach Entspannung und Ersatz: in der Arbeit, im Essen, Sport, starrem Glauben, beziehungslosem Sex, Alkohol, Selbst- oder Fremdverletzung. Wir wollen das Leben, das uns jede Sekunde in Form unzähliger Farben, Töne, Gerüche und Berührungen durchfließt, nicht mehr spüren. Wir haben Angst davor. Wirkliche Entspannung beginnt, wenn wir die Bedeutung bloßer Berührung über die Kindheit hinaus begreifen und ihr Rechnung tragen.

Neues Spüren

Als Körpertherapeutin arbeite ich heute mit Menschen auf der Suche nach berührendem Kontakt. Ich wünsche mir einen natürlichen, würdevollen und vor allem auch bewussten Umgang mit körperlicher Nähe, Berührung und Sexualität. Dabei berühre den Körper ganz real und beziehe auf Wunsch auch den Genitalbereich mit ein – als eine von vielen Möglichkeiten, achtsame Berührung zu spüren, in (Selbst)Kontakt zu sein und Neues zu lernen.

In meiner Arbeit geht es letztlich darum, über Berührung nicht nur zu reden, sondern sie auch zu erleben und zu spüren. Denn „eine Erziehung, die euch nicht lehrt, euren Körper zu lieben, mitfühlend zu eurem Körper zu sein und in seine Geheimnisse einzudringen, wird euch auch nicht lehren können, zu eurem Bewusstsein vorzudringen“, sagte Osho: „Der Körper ist die Tür.“

Berührenden Kontakt finden

Ich meine, oft nützt alles Erklären, Erzählen und Ermutigen nichts, wenn es nicht in achtsamer, geschützter Atmosphäre von konkretem körperlichem Erleben begleitet wird. Und gerade weil viele Menschen Berührung als Kind schmerzhaft vermisst haben oder erleiden mussten, gerade weil Berührung und Sexualität oft nur mehr im Kopf, in der Fantasie oder digital stattfinden und so manche/r körperliche Intimität noch nie geteilt hat, ist es für mich ganz klar, dass ich neben Beratung und Gespräch auch Berührung anbiete.

Die Psychotherapie bildet neue und hoffentlich kreative Allianzen mit dem Geist eines Menschen. Als Körpertherapeutin erweitere ich sie um die Allianz mit dem Körper – und begleite dabei nicht nur Lust, sondern auch Angst, und alle anderen Gefühle bis zu dem Punkt, wo kein Rückzug in Vermeidung und Abtötung mehr passiert, sondern neue Erfahrung möglich wird.

Unser Körper ist die Tür

Befriedigende erwachsene Sexualität entwickelt sich aus den liebevoll berührenden Erfahrungen, die wir als Kind gemacht haben – der zweite braucht den ersten Schritt. Die gute Nachricht: Hirnforscher haben auch herausgefunden, dass es dabei keine Rolle spielt, ob nährende Berührung in der Kindheit erlebt wurde oder später. Erlebt ist erlebt! Was wir in der Kindheit nicht bekommen haben, können wir heute nachholen.

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Credit: Atma Pöschl

Credit: Atma Pöschl

Atma Pöschl arbeitet als Körpertherapeutin in Wien und berührt ihre Klient/innen. Sie ist ausgebildet in Intimer Heilmassage, prozessorientierter Körperarbeit und Integrativer Körperpsychotherapie. In ihrer Arbeit begleitet Atma Genießer/innen, auch Menschen mit Gewalt- und ohne Berührungserfahrungen auf dem Weg zu einer auf allen Ebenen befriedigenden Sexualität.

Mehr Infos gibt’s hier: www.institut-atma.at

Das Seminar „Lust auf Berührung“ (27.2. – 1.3. 2015, Wien) lädt ein, die feinen Nuancen von Berührung zu erforschen und zu genießen. Es wird komplett bekleidet und in einem respektvollen, sicheren Rahmen abgehalten.

Mehr dazu erfahren: www.institut-atma.at/lust-auf-beruehrung-seminar

 

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