Steckt die Männlichkeit in der Krise?

**Die Vielzahl an Wahlmöglichkeiten in Bezug auf geschlechtliche und sexuelle Identität scheint Menschen zu überfordern: Medien rufen schon seit geraumer Zeit eine „Krise der Männlichkeit“ aus. „Man(n) muss nicht mehr zwingend einem Mainstream-Bild von Männlichkeit genügen. Es werden verschiedene Modelle akzeptiert – manche mehr, manche weniger“, so Frauen- und Geschlechterhistorikerin Hishi Karo. Die Rhetorik um die „Krise der Männlichkeit“ steht dieser Vielfalt entgegen

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: sie reklamiert ein männliches Leitmodell. Auch wenn es uns vielleicht so vorkommt, eine „Krise der Männlichkeit“ ist keine Neuerung, sondern ein immer wiederkehrendes historisches Phänomen.

Kategorien – und Bewertungen

Es gibt, so Hishi Karo, verschiedene identitäre Kategorien, nach denen Menschen bewertet werden. Geschlecht – wie männlich ist man, wie sehr Frau ist man – ist eine sehr wichtige Kategorie, Sexualität ebenso. Der „Wert“ eines Menschen wird an seinem Vermögen, seinem beruflichen Erfolg, seinen sexuellen Eroberungen, wie gut er gängige Beziehungs- und Familienkonzepte in sein Leben integriert und seiner Attraktivität gemessen. Menschen, die keinem Mainstream-Rollenbild entsprechen, können sich leicht ausgegrenzt fühlen, und von Menschen, die die Kriterien erfüllen – also eine heterosexuelle Ehe, Haus, Hund und Kinder vorweisen können – wird erwartet, dass sie glücklich sind.

Credit: Shutterstock / Ivan Nikulin

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Männlichkeits- und Beziehungsnormen haben ebenso Einfluss auf Steuermodelle und Kinderobsorge, also ganz konkret auf unsere Entscheidungen, wie wir unser Leben gestalten wollen. Die rechtliche Sphäre ist auf das Kernfamilien-Modell zugeschnitten. Und wehe, Familien weichen davon ab: Bei polyamoren Strukturen, Patchworkfamilien und Verpartnerungen ist es mit den Rechten nicht weit her. Schon mal versucht aus einem Kredit auszusteigen, den zwei Menschen als Ehepartner abgeschlossen haben?

Diese strengen Kategorien weichen jedoch immer mehr auf. Wir sind heute in unseren Breitengraden so frei wie noch nie zuvor: Wir haben Wahlmöglichkeiten, die den Generationen vor uns nicht zur Verfügung standen. So eine Wahlfreiheit überfordert aber auch – und führt zu einem Backlash, wieder hin zu bekannten Strukturen.

Auch wenn wir gerne EINE Anleitung, einen Ratgeber hätten – es gibt heute noch etwas viel Spannenderes: Wir können wählen, was und wie wir sein WOLLEN. Hishi Karo: “Es gibt nicht nur ein Bild des Mannes oder der Frau, dem wir genügen müssen.”

Kriege und Männlichkeit

“Über das 20. Jahrhundert hinweg gab es mehre Krisen der Männlichkeit”, erzählt Karo. Untersucht wurde dies beispielsweise auch von der Historikerin Christa Hämmerle, Professorin am Institut für Geschichte an der Universität Wien. In Zeiten, in denen weiße, wirtschaftlich erfolgreiche, heterosexuelle Männer sich in ihrer Macht bedroht fühlen, wird in regelmäßigen Zeitabständen eine Krise ausgerufen – unterstützt von der Medienwelt.

Das war beispielsweise auch nach den beiden Weltkriegen im 20. Jahrhundert der Fall. Männer zogen in den Krieg, während Frauen im Hinterland ihrem Alltag ohne männliche Hilfe nachgingen. Als die Veteranen aus dem Krieg zurückkehrten, fanden sie zu Hause andere Verhältnisse vor. Prompt wurde von Zeitungen und populären Medien eine Krise der Männer ausgerufen.

Aufbrechen der traditionellen Familienstrukturen

Heute ist es kein Krieg, der die Männlichkeit in die Krise stürzte. Es ist das Aufbrechen des Ehekonzepts, der traditionellen Familienstrukturen. Die finanzielle Unabhängigkeit der Frau rührt aber beispielsweise auch daher, dass es sich auch kaum noch eine Familie leisten kann, auf das Einkommen der Frau zu verzichten.

Wir lernen jedoch nicht, mit diesen Wahlmöglichkeiten umzugehen, sie zu unserem Vorteil einzusetzen. Fazit: “Die Krise der Männlichkeit kommt periodisch wieder, wenn die Gesellschaft droht, zu vielfältig zu werden.” Manche Parteien wollen in diesem Aufbrechen der Strukturen auch den Zerfall der Gesellschaft erkennen. “Da stecken oft auch politische Interessen dahinter”, erklärt Hishi Karo. Und zwar dann, wenn die klare Trennung der Geschlechter im Sinne dieser Parteien und für den Erhalt einer Machtposition wichtig ist. Denn so schnell zerfallen Gesellschaften nicht, sie verändern sich lediglich – oder besser: sie werden vielfältiger. Das hat auch nichts mit einer “moralischen Verwahrlosung” zu tun, die auch in diesem Zusammenhang oftmals genannt wird.

Einen massiven Einfluss auf diese Vielfältigkeit, und wie wir sie wahrnehmen, haben die Bilder in den Medien und in der Werbung. Menschen suchen sich auf ihrer ganz persönlichen Identitätssuche Rollenbilder, denen sie entsprechen möchten. “Diese Bilder wirken stark auf die Selbstwahrnehmung von Menschen”, so Hishi Karo. Sie appelliert daher daran, diese Rollenbilder vielfältiger zu gestalten – was zurzeit ja auch passiere. Sie wünscht sich, dass “sich Menschen mehr auf der individuellen Ebene damit auseinandersetzen, was sie wollen” – auch in der Sexualität.

 

4 Kommentare zu Steckt die Männlichkeit in der Krise?

  1. Jacqui Jouet // 25. Juli 2014 um 14:13 // Antworten

    Ein schöner Artikel der m.E.n. sehr gut den Kern der modernen (Geschlechts) Identitätsproblematik umreißt.

    Was im Zeitalter des Narzissmus tatsächlich leicht übersehen wird ist, dass einerseits die Masse an Identitätsvorlagen -die uns durch die nie dagewesene Medienbandbreite geliefert wird- geschichtlich absolut einzigartig ist! Das gab es noch nie, daß Menschen so intensiv mit anderen Lebensentwürfen konfrontiert wurden.

    Diese Flut kann schon einschüchtern, wenn man nicht stark tolerant ist UND sich nicht hinreichend abgrenzen kann. (Und wer kann das schon hinreichend im Sinne Kant’scher Pflichtethik!?)

    Einzige Kritikpunkte finde ich -spitz gesagt- dort, dass der Artikel dezent sexistisch und rassistisch ist. ^^ Denn ob Frauen weniger contrarevolutionär und identitätsuntergraben sind als Männer und ob Schwarze, Gelbe und Braune weniger aggresiv-patriarchal und heteronormativ als die Weissen sind..? Hat mir zumindest meine Erfahrung bisher keineswegs belegen können. 😉

  2. Liebe Jacqui,

    Vielen Dank für Dein Feedback, ich fühle mich geehrt, auch wenn ich natürlich finde, dass man die Facetten aktueller Gender-Identitätsproblematiken innerhalb eines Interview lediglich skizzieren kann – so auch die Komplexität der Geschlechterverhältnisse und –diskriminierungen, die sich mit anderen Diskriminierungsformen überschneiden und kombinieren (siehe Intersektionalitätstheorien).
    Die Geschlechterkonzepte, die im Interview zum Tragen kamen, sind stark vereinfacht, denn ich wollte bewusst aus einem wissenschaftlichen, stark theoretisierenden Diskurs raus. Dies ist meiner Meinung nach ein großes Manko der Gender-Studies, wie auch der Geschlechtergeschichte – diese wissenschaftlichen Felder bedienen sich einer sehr formalisierten, nur einer kleinen Gruppe verständlichen Sprache, die man einfach erlernen muss, um „dazuzugehören“.
    Natürlich schwingen aber gewisse feministische Theorien und Konzepte der Männlichkeitsforschung immer in meinem Denken mit. Ich glaube, jegliche Diskriminierung findet auf ganz verschiedenen Ebenen statt, angefangen mit alltäglichen, zwischenmenschlichen Beziehungen bis hin zu strukturellen Problemen der Gesellschaften. Ich glaube nicht, dass die bösen weißen Männer, die restliche Gesellschaft und vor allem die armen Frauen unterdrücken, ich glaube das Ganze ist viel komplexer und lässt sich ansatzweise mit Raewyn Connells Theorie der hegemonialen Männlichkeit erklären – die durchaus gerechtfertigten Kritikpunkte an Connell außen vorgelassen. „Hegemoniale“ Männlichkeit – ich würde sie in den westlichen Gesellschaften schon zumindest als weiß und heterosexuell definieren – beschreibt nicht nur eine dominante gesellschaftliche Position, nicht nur einen bestimmten Habitus, sondern stellt auch ein Leitbild dar, an dem sich die restliche Gesellschaft ausrichten kann und soll. D. h. nicht, dass beispielsweise Frauen nicht ausgrenzen, wenn sie für sich selbst einen Vorteil darin sehen, oder, dass schwarze Männlichkeit weniger patriarchal, gewalttätig oder homophob ist. Das kam im Interview einfach nicht zu Sprache 🙂 .

  3. Christina Reinwald // 25. Juli 2014 um 16:16 // Antworten

    Hallo Jacqui Jout,

    kannst du mir sagen wie du auf diese Erkenntnis:
    “Denn ob Frauen weniger contrarevolutionär und identitätsuntergraben sind als Männer und ob Schwarze, Gelbe und Braune weniger aggresiv-patriarchal und heteronormativ als die Weissen sind..?”
    durch den Artikel kommst?

    Denn darüber geht es in diesem Artikel meiner Meinung nach nicht. .

  4. Jacqui Jouet // 30. Juli 2014 um 10:16 // Antworten

    Liebe Karo,

    übers www habe ich inzwischen ja schon einige male Einblick in deine Arbeit und dein Denken nehmen können, und mir scheint daß wir schon zu sehr ähnliche Sichtweisen gelangt sind. Wobei meine eigene halt eben weniger akademisch gestützt ist.

    Mein Kommentar von oben war keineswegs als inhaltliche Kritik an deinem Artikel gemeint, mit dem ich ebenso d’accord gehe wie ich sein Format für die Leserschaft verstehe.

    Zu meinen Sichtweisen bin ich eben durch Erfahrungen gelangt, und habe in den etlichen Diskursen die ich schon gegführt hatte gewisse Muster gefunden.. Allgemein gesprochen: ein jedes Selbstweltbild versucht sich selbst zu schützen und zu erhalten, wodurch leicht einmal das Gegenteil vom gemeinten verstanden werden will. Weshalb ich dem (natürlich dem Format geschuldeten) glatten roten Faden im Text Vergleiche entgegen stellte, die der Tendenz zum Vorurteil ein bedenke-nochmals in den Weg legen.

    @Christina: du hast also völlig recht. Ich ging bewusst über den Text hinaus, auch um anzumerken daß nicht bloß (weisse) Männer von den neuen Geschlechtsrollenbildern und ihren Entstehungshintergründen verunsichert sein können. Was m.E.n. durchaus etwas tröstliches haben kann, sich mit grösseren Gruppen identifizieren zu können. Grade wenn es sich dabei um vorher als ggf antagonistisch wahrgenommene Personenkreise handelt.

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