Sexarbeiter-Kongress: Ab ins Prekariat

**In Deutschland wird in Kürze ein neues Prostitutionsschutzgesetz verabschiedet. Es stellt sich die Frage, wer hier vor wem geschützt werden müsste - wenn das Gesetz wie geplant beschlossen wird.

Statt absurder Kontrollen und Vorschriften sollten die Rechte der SexarbeiterInnen gestärkt werden - Credit: gosensual.at

Der Kongress, der dieser Tage in Hamburg über die Bühne ging, könnte genauso auch in Österreich, Schweden oder Frankreich mit den gleichen Themen veranstaltet werden: Die Politik nennt neue gesetzliche Vorschläge gerne „Schutzgesetz“, die Maßnahmen sind allerdings kontraproduktiv und schaffen für die in der Branche Arbeitenden völlig absurde Regelungen. Die Betroffenen werden – obwohl ihr Schutz der Politik ja so am Herzen liegt – gar nicht gefragt. Oder sie werden zwar gefragt, aber nicht erhört.

Schutz vs. Versuch der Kontrolle

Sexarbeit ist generell schwierig zu steuern – zum Wirkungsgrad verschiedener politischer Maßnahmen gibt es bereits eine Studie, an der auch die österreichische Sozialwissenschaftlerin Helga Amesberger mitarbeitete. Gibt sich Politik beispielsweise dem Versuch hin, Sexarbeit abzuschaffen, kostet das dem Sektor lediglich ein müdes Lächeln. Auch historisch betrachtet scheiterten ebensolche Versuche kläglichst und sorgten lediglich für eine Verlagerung in die Illegalität. Die Folge sind aber prekäre Arbeitsverhältnisse für die Menschen, die in dieser Branche arbeiten.

So versucht die Politik also, den Sektor zu regeln und zu kontrollieren. Sie tapst von Fettnäpfchen zu Fettnäpfen – und bewirkt das genaue Gegenteil. Wie in Österreich von wenigen Jahren, soll nun ein Gesetz verabschiedet werden, das die Situation von selbstbestimmt arbeitenden SexarbeiterInnen massiv verschlechtert. Und das geht so:

SexarbeiterInnen wohnen häufig an ihrem Arbeitsplatz, das sind in Hamburg zu einem hohen Anteil (60 Prozent) Appartements. Diese Wohnungen werden nun, wenn der Vorschlag durchgeht, Bordellen gleichgestellt: Sie müssen die gleichen Anforderungen erfüllen wie große Etablissements. Da gibt es dann so lustige Bestimmungen wie etwa zu einem Pausenraum, oder getrennte Duschen und WCs, die diese SexarbeiterInnen dann erfüllen müssten. Das also zum Thema „Schutzgesetz“. Man könnte meinen, dass sich Deutschland für diesen Gesetzesvorschlag ein paar unserer österreichischen Beamten ausgeliehen hat.

Wenige große Betriebe, mehr Abhängigkeit

Die Folgen sind vorhersehbar: Viele SexarbeiterInnen werden diese Bestimmungen nicht erfüllen können, bekommen keine Betriebserlaubnis und werden so in die Arme von Bordellen und Laufhäusern getrieben. Die Betreiber erhalten dadurch noch mehr Macht. Die SexarbeiterInnen werden ihre Arbeitsräume nicht mehr als Schlafräume nutzen können und müssen dann mehr und unter schlechteren Bedingungen arbeiten, um mehr Geld zu verdienen.

Die Politik steuert die Branche dadurch in Richtung wenige große Betriebe, selbstverantwortlich arbeitende SexarbeiterInnen treibt sie in die Abhängigkeit. Sie haben noch weniger Verhandlungsmacht, müssen größere Risiken in Kauf nehmen und sind mehr Gewalt und Missbrauch ausgesetzt. Bravo, Politik. „Die Branche wird sich durch das neue Gesetz sehr stark verändern“, darin waren sich die ExpertInnen beim Kongress einig. Sollten sich die SexarbeiterInnen darüber beschweren wollen, können sie das dann bei verpflichtenden Beratungsgesprächen machen. Redet sich ja auch so fein unter Zwang.

Fazit: Die Arbeit der Beratungsstellen wird konterkariert, die SexarbeiterInnen werden in die Abhängigkeit von den großen Betrieben gedrängt. Die Doppelmoral der Politik geht munter weiter, sie kann an die PR-Abteilung weiterleiten:„Alles unter Kontrolle!“.  Mission anscheinend erfüllt.

 

Links:

Sexarbeit-Kongress: sexarbeits-kongress.de

Bündnis der Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter: www.bufas.net

 

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