Berührung & Sinnlichkeit: Die Haut entdecken

Die Haut ist ein Spiegel unseres "Systems"

Credit: Shutterstock/Artem Furman

Die Haut ist ein großer Rezeptor, der sich danach sehnt, berührt zu werden: Mit unseren Händen, Fingern, mit Körperteilen oder auch mit unserem gesamten Körper, von angenehm entspannend bis hin zu sehr schmerzhaft. „Der Bedarf an Berührung ist viel größer als letztendlich umgesetzt wird“, erläutert Robert, der seit zwei Jahrzehnten als Physiotherapeut arbeitet und in seinen Workshops Berührungen thematisiert. Er zeigt in diesen Seminaren entlang einer sinnlichen Wanderung quer über unseren Körper, wie wir die Haut sensibilisieren können, welchen Triggerpunkten wir ganz besonders genussvoll Aufmerksamkeit schenken sollten und wo Vorsicht geboten ist.

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Berührung und Kompensation 

Die Haut ist ein großer Rezeptor, der sich nach Berührung sehnt / Credit: Phil Kobald

Berührungen sind nicht ganz so einfach zu bekommen. Als Kind werden wir ständig berührt und gestreichelt, und wir geben auch viele Streicheleinheiten weiter. Als Kind dürfen wir das Bedürfnis auch zeigen. „Irgendwann wird das Bedürfnis nach Berührung sexualisiert“, erklärt Robert, und ab diesem Zeitpunkt sind in unserem Kulturkreis diese so wichtigen Streicheleinheiten meist untrennbar mit Sexualität verbunden, und sie werden zu einem Tabuthema.

Natürlich können Berührungen sehr intim und persönlich sein, keine Frage, sie können sogar intimer als der Akt des Geschlechtsverkehrs sein. Aber wie sieht es mit Berührungen ohne intimen Hintergrund aus – einmal einfach nur gestreichelt werden, ohne gleich an „das Eine“ zu denken? Denn die Haut ist dafür prädestiniert, Eindrücke aufzunehmen. Sie überzieht gemeinsam mit dem Bindegewebe den gesamten Körper, ist direkt mit dem Nervenzentrum verbunden.

Unser Bedürfnis nach Nähe ist gesellschaftlich aber nicht anerkannt, Berührung braucht einen Vorwand. So wird das Bedürfnis nach Nähe von Menschen mit Behinderung erst seit Kurzem thematisiert, auch ältere Menschen werden etwa nach dem Tod des Partners oder der Partnerin zu einem „Paria“, wie Robert es nennt. Sie werden nicht mehr berührt, auch das Bedürfnis danach wird nicht diskutiert.

Stellt sich nun die Frage nach der Kompensation, der Ersatzbefriedigung. Es liegt etwa die Vermutung nahe, dass nicht jede Massage nur wegen der Verspannung im Nacken stattfindet. „Ist zu wenig Berührung vorhanden, suchen sich Menschen ein Ventil“, analysiert Robert im Gespräch, und ganz hervorragend eignen sich dafür etwa Besuche im Swingerclub oder bei SexarbeiterInnen. „In der Sexualität erhalten wir ganz automatisch Berührung“, erklärt Robert, und meist gilt: „Wer keine Sexualität auslebt, wird noch weniger berührt.“

In unserem Kulturkreis rennt also etwas schief: Es gibt eine große Kluft zwischen Bedarf und tatsächlichem Erfüllt-werden. Dabei könnte es doch so einfach sein – wenn wir ein wenig mehr auf die Bedürfnisse des anderen eingehen, Berührungen geben und entgegennehmen, ohne sofort Sexualität damit zu verknüpfen.

Spiegel unseres „Systems“

Die Haut ist aber nicht nur ein großer Rezeptor – nimmt Einflüsse von außen auf. Sie ist gleichzeitig auch ein Spiegel von uns, unseres „Systems“. Die Haut reagiert, je nachdem, wie es dem System geht, und wird damit zu unserer Visitenkarte. Eine strahlende Haut steht für Gesundheit und Attraktivität, eine Hautkrankheit ist demgegenüber eine Art „Stoppschild“. Denn ist in unserem System etwas nicht in Ordnung, so trägt die Haut dies nach außen: „Neurodermitis und Co. sind Zeichen eines körperlich-seelischem Unbehagnis.“

Sie ist aber auch eine Austauschfläche, die einen ausgleichenden Effekt ermöglicht. „Berührungen können heilsam sein“, ist Robert überzeugt. Da dies aber nicht messbar ist, ist dieser heilende Effekt in unserem Kulturkreis nicht akzeptiert.

Jeden Zentimeter der Haut entdecken

Berührung ist überlebenswichtig – egal in welchem Alter. Credit: Shutterstock/Stanislav Tiplyashin

Generell ist jeder Quadratzentimeter Haut sensibilisierbar und erotisch „aufladbar“. Welcher Druck und welche Art der Berührung für die einzelnen Körperbereiche als angenehm empfunden wird, ist ganz individuell, hängt auch mit der Tagesverfassung zusammen. „Die genau gleiche Berührung kann sehr sexuell, oder ganz ohne sexuellen Hintergrund sein“, erklärt Robert.

Die Haut erinnert sich an Berührungen, kann wunderbar konditioniert werden. Dazu wird einem bestimmten Teil der Haut immer wieder die gleiche Art der Aufmerksamkeit geschenkt. Die Palette reicht hier von zart bis hart, wie es beliebt. Die Haut merkt sich, wie sie berührt wurde, wir entwickeln eine Erwartungshaltung. „Das kann in der Folge dazu führen, dass ich die Stelle gar nicht mehr berühren muss“, erklärt Robert, für eine Reaktion reicht es dann sogar, einfach nur in die Nähe dieser konditionierten Körperstelle zu kommen.

Um berührt zu werden, oder die Art von Berührung zu bekommen, die man gerne hätte, ist Kommunikation gefragt. Was sollte daher auf eine Berührung folgen? „Warten, bis der Empfänger sagt, er möchte mehr davon“, rät der Experte: Sagen was man möchte, und Grenzen setzen, wenn man etwas nicht möchte. Diese Sensibilität ist auch im Swingerclub angesagt – denn nur weil Haut da ist, darf man sie noch lange nicht berühren. „Es gibt kein allgemein gültiges Regelwerk, was möglich oder erwünscht ist“, daher rät Robert zu einer individuellen Abklärung, um nicht übergriffig zu werden.

Berührung  & SM

Wir können die Haut dazu verwenden, um intensive Reize und Empfindungen hervorzurufen. „Das kann sehr leicht, oder auch stärker sein,“ erklärt Robert, etwa mit einem klassischen Federspiel, oder auch durch Druck, Reibung, Dehnung, Kneifen oder Schlageinwirkung. Soll eine Konditionierung erreicht werden, stellt sich die Frage, welche Erinnerung abgespeichert werden soll. Je nach Intensität der Konditionierung ist ein Muster unterschiedlich schnell und intensiv abrufbar.

Das Spiel mit der Haut kann Spuren und Traumata hinterlassen. Diese sogenannten Marks können hergezeigt werden, sie haben eine ganz spezielle Historie und erinnern nachhaltig an das Spiel oder eine Erfahrung. Nach etwa 21 Tagen ist die Narbe verheilt und stabil, danach kann man sie „desensibilisieren und in Bewegung bringen.

„Man muss sich im Vorfeld überlegen, wie nachhaltig und bleibend Erinnerungen hinterlassen werden sollen“, so Robert. Narben sind nachhaltig vorhanden und je nach Tiefe auch sehr lange spürbar. Und auch wenn ich sie entfernen lasse, so wird die Haut an dieser Stelle nie mehr so, wie sie einmal war. Narben, wie beispielsweise Schnittnarben an den Unterarmen, können bei den Mitmenschen auch Anlass für Fragen sein, können die Phantasie anregen. „Man gerät schnell in Verdachtslagen, die man nicht möchte“, warnt Robert.

Ist mit einer Narbe ein massives Traumata und Problem verbunden, so können Berührungen heilsam sein, sie dürfen das Trauma aber nicht noch weiter verstärken. Am besten ist es, so Robert, Berührungen ganz weit entfernt zu beginnen und nur langsam in Richtung Narbe weiter vorzudringen – mit großflächigen Berührungen, die nicht invasiv sind. „Normalität herstellen“, und sich so immer mehr damit versöhnen.

 

 

 

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