20 August 2026
15:40



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Genderstereotypen überwinden

by admin

Graffiti der afghanischen Graffitikünstlerin Shamsia Hassani & Jugendlichen anlässlich der VOIX DE FEMMES im Juni 2013

Von Natalie Trummer, Geschäftsleiterin von TERRE DES FEMMES Schweiz

Genderstereotypen zu überwinden ist nicht nur eine Frage von Gerechtigkeit. Es ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit, um den Bedürfnissen aller Geschlechter gerecht zu werden, den sozialen Frieden zu sichern und knappe Ressourcen zu nutzen. Doch gerade, wenn Frauen gleichberechtigt partizipieren sollen – ob in privaten Beziehungen, in der Gesellschaft oder wo immer es um das patriarchale Machtgefüge und die Verteilung von Privilegien geht – wird das Thema als „Gedöns“ abgetan.

Genderstereotypen und damit die Geschlechterhierarchien, wonach die Frauen den Männern unterlegen zu sein haben, finden sich in staatlichen und institutionellen Strukturen, jedoch sind sie vor allem in unseren gesellschaftlichen Normen und Werten verankert. Diese werden reproduziert durch Wertesysteme wie kulturelle Codes oder die Religion und durch die individuelle Sozialisierung, die geprägt ist durch das in der Kindheit kennengelernte Familienmodell sowie durch Freunde und zentrale Personen aus dem Umfeld.

Natalie Trummer, Credit: TDF

Soziale und kulturell geprägte Normen und Werte sind tief verwurzelt, deren Veränderungen aus diesem Grund sehr schwierig. Genderstereotypen sind besonders hartnäckig, denn sie schaffen Orientierung. Ihnen gemäß geht von Frauen eher weniger Gefahr aus, sie sind emphatisch und in der sozialen Rangordnung eher ungefährlich, während Männer in der sozialen Rangordnung eher höher eingestuft werden. Automatisch entsteht eine Geschlechterhierarchie, die wir alle kennen, die man nicht erklären muss, die einfach „so ist“ und uns damit an unseren „Platz“ verweist, je nach Sozialisierung, Geschlecht und gesellschaftlichem Status.

Beispiele dafür sind die immer noch vorhandene Lohnungleichheit, die fehlenden Frauen in Führungspositionen, der Aufschrei der Medien und die Debatte um „Feminisierung“, wenn Frauen gerade einmal 30 % eines Gremiums ausmachen, wenn Frauen nach wie vor zuständig sind für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Mütter bloß Teilzeit arbeiten, Väter in der Ernährerrolle stecken bleiben und schließlich, dass Frauen überwiegend die Opfer von geschlechtsspezifischer Gewalt sind.

Die patriarchale Geschlechterstruktur wird strukturell, kulturell und individuell immer noch reproduziert und zementiert.

So wird heute immerhin immer wieder eine Frauenquote diskutiert, Teilzeitarbeit für Männer und Väter propagiert und die Lohnungleichheit zwischen Männern und Frauen als ungerecht zu empfinden gehört mittlerweile zum guten Ton, auch wenn sich bislang konkret wenig daran geändert hat. Denn die staatlichen Anstrengungen für mehr Gleichstellung stoßen dort an ihre Grenzen, wo Normen und Werte kulturell gestaltet und definiert werden.

Die Berufswahl ist stark nach Geschlecht segregiert, nicht weil die Möglichkeiten nicht bestehen würden. Mädchen und Frauen ordnen sich unter, ökonomisch und in der gesellschaftlichen Rangordnung. Der Mann hat noch immer den Status als Beschützer und Ernährer der Frau und Familie. Damit tun Frauen und Männer – andere Geschlechter sind in dieser heteronormativen Konstellation nicht vorgesehen – das, was bereits in der Bibel nachzulesen ist: Die Frau ist dem Manne Untertan, wie die Männer Gott Untertan sind. Diese patriarchale Geschlechterhierarchie ist zwar heute unter Beschuss, de facto ist sie jedoch immer noch ausgeprägt, so dass wir von einer wirklichen Gleichstellung und der Überwindung von geschlechtsspezifischer Gewalt weit entfernt sind.

Genderstereotypen ins Rollen bringen

Genderstereotypen zu überwinden braucht Zeit - Diskussion anlässlich “Voix des Femmes 2013″

Genderstereotypen zu verändern braucht Zeit und die Arbeit muss bei den Jüngsten der Gesellschaft ansetzen. Bereits im Kindergarten muss darauf geachtet werden, dass alle Kinder entsprechend ihrer Fähigkeit und nicht auf Grund ihres mutmaßlichen Geschlechts gefördert werden. Bei den Jugendlichen, in der Schule und in den Lehrmitteln muss sich dieser Ansatz fortsetzen. Dabei kommt den Medien eine äußerst wichtige Rolle zu. Bilder, Berichterstattungen und wer welche Inhalte vermittelt, zeigt auch auf, wem welcher Status angedacht und welche Inhalte zugetraut werden – oder eben nicht.

Genderstereotypen aufzuzeigen, mit ihnen zu spielen und zu provozieren ist eine Aufgabe, der sich TERRE DES FEMMES Schweiz angenommen hat. Zwar gibt es zahlreiche Projekte, die bei Jugendlichen die Geschlechterrolle thematisieren. Jedoch fehlt der politische Wille, sich diesem grundlegenden Thema anzunehmen. Hier muss eine Lücke geschlossen werden, denn nur wenn die Geschlechterhierarchie überwunden wird, kann Gleichstellung erfolgen. Erst ist diese Voraussetzung zu schaffen, um geschlechtsspezifische Gewalt nachhaltig zu überwinden.

TERRE DES FEMMES Schweiz lanciert Kampagnen und leistet Sensibilisierungs- und Präventionsarbeit zu Gleichstellungsthemen sowie Formen von geschlechtsspezifischer Gewalt. Natalie Trummer hielt dieses Referat leicht verändert anlässlich der VOIX DE FEMMES im Juni 2013 - einer Veranstaltungsreihe, die geschlechtsspezifische Gewalt thematisiert.

Weiterführende Links:

TERRE DES FEMMES Schweiz

rollenrollen.ch

VOIX DE FEMMES