Die US-amerikanische Schauspielerin Angelina Jolie ließ im Frühjahr 2013 vorsorglich eine Mastektomie, eine Entfernung von Brustgewebe, mit anschließendem Brustaufbau durch Implantate durchführen. Die Folge: Die Brustkrebszentren waren dem Ansturm panischer Frauen nicht gewachsen, in den Medien wurde das Thema breit diskutiert.
In Österreich führte bis zu diesem Zeitpunkt die rekonstruktive Brustchirurgie ein Schattendasein gegenüber dem viel mächtigeren Bereich der Schönheitschirurgie – und sie wird nach dem Medienhype vermutlich auch wieder sanft in die mediale Vergessenheit entschwinden. Denn hier werden keine Brustvergrößerungen medienwirksam verlost oder wird Stars und Sternchen zu einem karriereunterstützendem Aussehen verholfen. Die rekonstruktive Chirurgie verhilft PatientInnen nach einer Krankheit oder einem Unfall zu einem Leben mit „normalem“ Körperbild.
Die Brust - mehr als nur ein Organ
Die Brust ist mehr als nur ein simples Körperorgan. Sie ist für viele Frauen ein zentrales Merkmal ihrer Weiblichkeit und Mütterlichkeit, das Organ hat daher eine wichtige Bedeutung für das Körpergefühl und das Selbstwertgefühl.
Sie ist sekundäres Geschlechtsmerkmal und eine erogene Zone (bei Mann und Frau), was sie zu einem wichtigen Teil unseres Schönheits- und Attraktivitätsempfindens macht. Welchen Stellenwert eine ‚normal’ aussehende Brust für die Lebensqualität hat, wird in Befragungen unter Betroffenen deutlich: Bei Brustkrebspatientinnen steht neben den Nebenwirkungen von Behandlungen wie Chemotherapien vor allem die Angst vor möglichen Entstellungen durch Amputation und Gewebsentnahme im Vordergrund. Die Wiederherstellung einer natürlichen Brustform ist heute daher ein selbstverständlicher Teil der Behandlung. Betroffen sind übrigens nicht nur Frauen, denn die Diagnose Brustkrebs macht auch vor Männern nicht halt.
Ein weiteres Beispiel für den Einsatz der Brustchirurgie ist die sogenannte Gynäkomastie, die Vergrößerung der Brustdrüse beim Mann. Ist die Rückbildung der Brust durch eine medikamentöse Behandlung nicht möglich, kann durch einen operativen Eingriff Drüsengewebe und überschüssiges Körperfett entnommen werden.
Den PatientInnen gehe es nicht um eine besonders schöne, sondern um eine normale Brust, erläutert Dr. Dr. Maria Deutinger, Vorstand der Abteilung für Plastische und Wiederherstellungschirurgie der Krankenanstalt Rudolfstiftung in Wien – und damit unterscheiden sie sich grundlegend von PatientInnen rein ästhetischer Operationen.
Rekonstruktive Chirurgie ist aber auch ein wichtiger Part von Geschlechtsumwandlungen. Wie der Penis als Symbol für Männlichkeit wahrgenommen wird, so ist die Brust die Verkörperung der Weiblichkeit. Während transidente Menschen auf ihrem körperlich-ästhetischen Weg vom Mann zur Frau sich nach eigenen, weiblichen Brüsten sehnen, bedeutet die Brust für Frauen auf dem Weg zum Körper eines Mannes eine große Belastung.
Weiterentwicklung der Operationsmethoden
Früher mussten Brustkrebs-PatientInnen zumindest fünf quälende Jahre warten, bis mit dem Wiederaufbau der Brust begonnen wurde. Heute ist es – mit Ausnahmen – möglich, gleich bei der Brustentfernung einen Aufbau der Brust vorzunehmen. „Oftmals muss heute nicht mehr die gesamte Brust abgenommen werden, sondern es kann brusterhaltend operiert werden“, erläutert Dr. Deutinger. Da der Hautmantel für den Aufbau erhalten bleibt, werden natürlichere Ergebnisse als früher erzielt.
Waren es früher vor allem Silikonimplantate, die den Brusthügel formten, ist heute die Behandlung mit Eigengewebe eine Variante, um viel natürlichere Ergebnisse zu erzielen. Das benötigte Gewebe kann vom Unterbauch, vom Gesäß, vom Oberschenkel oder vom Rücken entnommen werden. Selbst die Brustwarze ist mittlerweile bei einer neu aufgebauten Brust kreierbar, mitunter wird sie mit all ihren Details einfach tätowiert.
Vorsorge vs. Panik
Maria Deutinger distanziert sich vom Hype rund um die Bestimmung des Krebsrisikos – so wiegt man sich entweder in falscher Sicherheit oder zerfließt in Panik. „Es gibt keine 100-Prozent-Garantie durch einen chirurgischen Eingriff, ein Restrisiko bleibt bestehen“, so Dr. Deutinger, da nicht so radikal und großflächig Gewebe entnommen wird, dass kein Brustkrebsrisiko bestehen bliebe. „Nicht alles ist messbar, kontrollierbar, bestimmbar“, warnt sie. Andere Risikofaktoren wie schlechte Ernährung und Stressbelastung auf gleichem Niveau zu belassen, hält sie ebenfalls für nicht sinnvoll.
Die Expertin für konstruktive Chirurgie fragt sich, wie weit dieser Drang, sich in Sicherheit zu wiegen, gehen wird. Was bedeutet es für ein Kind, wenn laut Test ein hohes Brustkrebsrisiko besteht? Panik – das gesamt Leben lang? Und was passiert, wenn die pränatale Diagnostik so weit sein wird, Brustkrebsrisiko zu erfassen?
Univ.-Prof. Dr. Maria Deutinger studierte Medizin in Innsbruck mit anschließender Ausbildung in Plastischer Chirurgie in Wien. Sie ist seit 1988 Fachärztin für Plastische Chirurgie und leitet die Abteilung für Plastische und Wiederherstellungschirurgie in der Wiener Rudolfstiftung.
Eine etwas andere Sichtweise zu diesem Thema: Als Transmann ist eine Mastektomie ein ersehntes Ziel. Das schönste Gefühl, der größte Tag, der erste Schritt zum anders normalen Leben.
Interessante Punkte wurden in dem Artikel aufgeworfen. Panik, Pränatale Diagnostik, Zukunft?
Der Wunsch einer Frau, sich die Brust entfernen zu lassen, aufgrund eines Krebsrisikos und/oder Angst, kann ich im Persönlichen, und wahrscheinlich viele Transmänner ebenfalls, sehr gut nachvollziehen. Bei Transmännern wird die Brustentfernung nicht nur ersehnt, sie ist Teil der körperlichen Anpassung an die Geschlechtsidentität, die männlich ist.
Eine Brust ist, wie auch oben beschrieben, ein weibliches Merkmal. Darum wird diese Entfernung so sehnlichst angestrebt. Aber sie muss, auch für Transmänner, gut durchgeführt werden, weil das Fühlen und die Sensibilität neben dem späteren männlichen Brustaussehen, erhalten bleiben muss. Darum sind gute OP Methoden so wichtig. Weil äußere Merkmale sehr viel zum Wohlempfinden und der Eigenwahrnehmung beitragen. Darum werden ja auch Brustrekonstruktionen bei Frauen durchgeführt, die eine Entfernung hatten.
Für Frauen muss es jedoch ein schwerer psychischer und körperlicher Einschnitt sein, denn sie wollen ja ihre biologisch gewachsene Brust nicht wirklich verlieren. Gottseidank gibt es aber schon die neuesten Rekonstruktionsmethoden mit Eigengewebe.
Dies ist ein Thema was Frauen, wie Männer, Transfrauen, wie Transmänner aber auch Ärzte und Psychologen spaltet.
Die Mastektomie polarisiert.
Man stößt auf Kopf schütteln und Unverständnis. Selbst ein medizinisch diagnostizierter Grund kann einem Zuhörer die Gänsehaut auf dem Rücken, ob des massiven Eingriffs, nicht nehmen. UNd mit Zuhörer sind hier vorwiegend Frauen gemeint. Man mag diese Operation sehen wie man will, darüber denken was man will, und sich seine Meinung bilden, jedoch ist es ein sehr emotional behaftetes Thema, das sich tief im eigenen Selbstverständnis und auch der allgemeinen Wahrnehmung von Frauen bewegt.
Ich finde, dies ist eine Entscheidung, egal ob medizinisch begründet oder nicht, die nicht gewertet werden darf. Die jedem selbst obliegt, die jede Frau, und auch jeder Mann (TM) ganz wertfrei selbst treffen können muss und darf.
Niemand hat das Recht, aus welchem Grund auch immer, zu werten und zu urteilen. Und das nicht nur bei der Mastektomie, sondern bei allem was andere Menschen mit sich und ihrem Körper tun.
Ein Wort zum Schluss: Toleranz ist nicht gleich Akzeptanz, und selbst wenn die Mastektomie als Transformation von Frau zu Mann dazu gehört, ein Teil der Mannwerdung ist und etwas Positives, Befreiendes, Diagnostiziertes, wird es selten in den Augen von anderen, ob Medien oder Menschen, als etwas Notwendiges und Sinnvolles ersehen noch erachtet, da man Gesundes entfernt.
Das dadurch aber der Geist und die Seele gesund werden und ein Leben lebenswert wird, dies gilt im Übrigen auch für jene Frauen die sich aus jedem anderen Grund für eine Entfernung entschließen, dies wird oftmals aus den Augen verloren! Gleiches Recht für alle, egal ob diagnostiziert, gefühlt, gelebt oder gewollt! Wer das toleriert hat es akzeptiert.