30 August 2025
17:13



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Mastektomie: Trügerische Sicherheit

by Anja Herberth

Credit: Shutterstock/VibrantImageStudio

Die US-amerikanische Schauspielerin Angelina Jolie ließ im Frühjahr 2013 vorsorglich eine Mastektomie, eine Entfernung von Brustgewebe, mit anschließendem Brustaufbau durch Implantate durchführen. Die Folge: Die Brustkrebszentren waren dem Ansturm panischer Frauen nicht gewachsen, in den Medien wurde das Thema breit diskutiert.

In Österreich führte bis zu diesem Zeitpunkt die rekonstruktive Brustchirurgie ein Schattendasein gegenüber dem viel mächtigeren Bereich der Schönheitschirurgie – und sie wird nach dem Medienhype vermutlich auch wieder sanft in die mediale Vergessenheit entschwinden. Denn hier werden keine Brustvergrößerungen medienwirksam verlost oder wird Stars und Sternchen zu einem karriereunterstützendem Aussehen verholfen. Die rekonstruktive Chirurgie verhilft PatientInnen nach einer Krankheit oder einem Unfall zu einem Leben mit „normalem“ Körperbild.

Die Brust - mehr als nur ein Organ

Die Brust ist mehr als nur ein simples Körperorgan. Sie ist für viele Frauen ein zentrales Merkmal ihrer Weiblichkeit und Mütterlichkeit, das Organ hat daher eine wichtige Bedeutung für das Körpergefühl und das Selbstwertgefühl.

Brustrekonstruktion mit Eigengewebe vom Rücken, Credit: Dr. Deutinger/Rudolfstiftung

Sie ist sekundäres Geschlechtsmerkmal und eine erogene Zone (bei Mann und Frau), was sie zu einem wichtigen Teil unseres Schönheits- und Attraktivitätsempfindens macht. Welchen Stellenwert eine ‚normal’ aussehende Brust für die Lebensqualität hat, wird in Befragungen unter Betroffenen deutlich: Bei Brustkrebspatientinnen steht neben den Nebenwirkungen von Behandlungen wie Chemotherapien vor allem die Angst vor möglichen Entstellungen durch Amputation und Gewebsentnahme im Vordergrund. Die Wiederherstellung einer natürlichen Brustform ist heute daher ein selbstverständlicher Teil der Behandlung. Betroffen sind übrigens nicht nur Frauen, denn die Diagnose Brustkrebs macht auch vor Männern nicht halt.

Ein weiteres Beispiel für den Einsatz der Brustchirurgie ist die sogenannte Gynäkomastie, die Vergrößerung der Brustdrüse beim Mann. Ist die Rückbildung der Brust durch eine medikamentöse Behandlung nicht möglich, kann durch einen operativen Eingriff Drüsengewebe und überschüssiges Körperfett entnommen werden.

Dr. Maria Deutinger

Den PatientInnen gehe es nicht um eine besonders schöne, sondern um eine normale Brust, erläutert Dr. Dr. Maria Deutinger, Vorstand der Abteilung für Plastische und Wiederherstellungschirurgie der Krankenanstalt Rudolfstiftung in Wien – und damit unterscheiden sie sich grundlegend von PatientInnen rein ästhetischer Operationen.

Rekonstruktive Chirurgie ist aber auch ein wichtiger Part von Geschlechtsumwandlungen. Wie der Penis als Symbol für Männlichkeit wahrgenommen wird, so ist die Brust die Verkörperung der Weiblichkeit. Während transidente Menschen auf ihrem körperlich-ästhetischen Weg vom Mann zur Frau sich nach eigenen, weiblichen Brüsten sehnen, bedeutet die Brust für Frauen auf dem Weg zum Körper eines Mannes eine große Belastung.

Weiterentwicklung der Operationsmethoden

Früher mussten Brustkrebs-PatientInnen zumindest fünf quälende Jahre warten, bis mit dem Wiederaufbau der Brust begonnen wurde. Heute ist es – mit Ausnahmen – möglich, gleich bei der Brustentfernung einen Aufbau der Brust vorzunehmen. „Oftmals muss heute nicht mehr die gesamte Brust abgenommen werden, sondern es kann brusterhaltend operiert werden“, erläutert Dr. Deutinger. Da der Hautmantel für den Aufbau erhalten bleibt, werden natürlichere Ergebnisse als früher erzielt.

Waren es früher vor allem Silikonimplantate, die den Brusthügel formten, ist heute die Behandlung mit Eigengewebe eine Variante, um viel natürlichere Ergebnisse zu erzielen. Das benötigte Gewebe kann vom Unterbauch, vom Gesäß, vom Oberschenkel oder vom Rücken entnommen werden. Selbst die Brustwarze ist mittlerweile bei einer neu aufgebauten Brust kreierbar, mitunter wird sie mit all ihren Details einfach tätowiert.

Vorsorge vs. Panik

Maria Deutinger distanziert sich vom Hype rund um die Bestimmung des Krebsrisikos – so wiegt man sich entweder in falscher Sicherheit oder zerfließt in Panik. „Es gibt keine 100-Prozent-Garantie durch einen chirurgischen Eingriff, ein Restrisiko bleibt bestehen“, so Dr. Deutinger, da nicht so radikal und großflächig Gewebe entnommen wird, dass kein Brustkrebsrisiko bestehen bliebe. „Nicht alles ist messbar, kontrollierbar, bestimmbar“, warnt sie. Andere Risikofaktoren wie schlechte Ernährung und Stressbelastung auf gleichem Niveau zu belassen, hält sie ebenfalls für nicht sinnvoll.

Die Expertin für konstruktive Chirurgie fragt sich, wie weit dieser Drang, sich in Sicherheit zu wiegen, gehen wird. Was bedeutet es für ein Kind, wenn laut Test ein hohes Brustkrebsrisiko besteht? Panik – das gesamt Leben lang? Und was passiert, wenn die pränatale Diagnostik so weit sein wird, Brustkrebsrisiko zu erfassen?

 

Univ.-Prof. Dr. Maria Deutinger studierte Medizin in Innsbruck mit anschließender Ausbildung in Plastischer Chirurgie in Wien. Sie ist seit 1988 Fachärztin für Plastische Chirurgie und leitet die Abteilung für Plastische und Wiederherstellungschirurgie in der Wiener Rudolfstiftung.