2 September 2025
22:40



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Body & Soul

Transsexualität: Phasen der Wandlung

by admin

Petra Melzer - Credit: Petra Melzer

Transsexualität (oder auch Transidentität) ist keine Geschlechtsumwandlung, hat nichts mit Sexualität oder sexueller Orientierung zu tun. Transidente Menschen werden mit einer geschlechtlichen Besonderheit geboren: Mädchen kommen mit Penis, Hoden und xy-Chromosomen zu Welt, Burschen mit Vagina und xx-Chromosomensatz. Transsexualität ist nicht therapierbar: Die geschlechtliche Identität wird vor der Geburt festgelegt und ist danach auch nicht mehr veränderbar.

Transidente Menschen selbst sind in Zeiten des Internets bestens informiert über ihre körperlichen Besonderheiten. Sie haben in der Realität jedoch sehr häufig mit Vorurteilen, gegen Gewalt, Halbwissen und Transphobie zu kämpfen. gosensual.at widmet sich daher in einer redaktionellen Serie der Lebensrealität von transsexuellen Menschen, den herrschenden Vorurteilen, Forschungserkenntnissen sowie den medizinischen Entwicklungen.

Den Anfang macht ein Gastbeitrag von Petra Melzer aus dem deutschen Ruhrgebiet, die konsequent den Weg hin zu einem weiblichen Körper ging. Auf ihrer Plattform www.hormonmaedchen.de finden transidente Menschen und Angehörige Information und Unterstützung während dieses Prozesses. Sie gibt im Gastbeitrag Wegbegleitern transidenter Menschen ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit:

Die Phasen bis zum ‘Angekommen sein’

 

Petra Melzer/Credit: Petra Melzer

Ich habe ja nun selber eine transexuelle Vergangenheit und es gab Zeiten, da wunderte ich mich doch, wie “Nichtbetroffene” reagierten, wenn ich Ihnen von meiner Transsexualität erzählte. Sie stellten Fragen, hörten mir zu und manche überlegten was sie falsch gemacht hatten. Ich weiß dass es für mein Umfeld sicherlich nicht immer leicht war, für mich alles richtig zu machen – ich sehe die Reaktionen meiner Freunde, Familie und Interessierten nach meiner körperlichen Angleichung auch ein wenig anders. Aus diesem Grund möchte ich hier Wegbegleitern einige Dinge an die Hand geben. Diese Phasen sind nicht bindend, aber sie machen den Umgang mit Transsexuellen vielleicht etwas einfacher.

FINDUNGSPHASE

In dieser Phase findet ein transsexueller Mensch heraus, was mit ihm los ist. Das kann bereits im Alter von 4 Jahren sein, es kann aber auch sein, dass man erst mit 40 erkennt was man schon immer war. Viele, die erst spät ihr Coming Out starten, versuchen jahrzehntelang die von der Gesellschaft vorgegebene Rolle zu erfüllen.

Es gibt Transsexuelle, die von Anfang an wissen, dass sie dem anderen Geschlecht zugehörig sind. Andere durchlaufen verschiedene “Probierphasen”. So kann ein transsexueller Mensch durchaus mal geglaubt haben, dass er einen Fetisch hat und jahrelang sich als Transvestit durchs Leben geschlagen haben (nicht jeder Transvestit ist natürlich zwingend transsexuell).

Diese Findungsphase findet oftmals im Geheimen statt, Angehörige kommen nur selten in Berührungen mit diesen Gefühlen und Gedanken.

COMINGOUT PHASE

Wenn sich ein transsexueller Mensch dazu entschlossen hat diesen Weg loszugehen, wird er oftmals das engste Umfeld von seinem Innersten erzählen. Die meisten Leute reagieren erst einmal überrascht, verwundert bis erschrocken. In dieser Phase kommen Sätze wie: Bist du schwul? Du warst doch immer so männlich. Das lassen wir behandeln, das kriegen wir schon wieder hin. Was habe ich falsch gemacht. Ihhhh, damit will ich nichts zu tun haben. Hör auf mit diesem Sexzeugs.

Wenn man sich nun nach dem ersten „Schock” ein wenig mit der Thematik befasst, wird man schnell feststellen: Nichts von Alledem trifft zu. Mittlerweile ist es nahezu bewiesen, dass Transsexualität angeboren ist und mit einer sexuellen Neigung hat es genauso viel zu tun, wie FastFood mit gesunder Ernährung.

AKZEPTANZPHASE

Nachdem es klar ist, dass es nicht nur ein Witz war, gibt es einige Dinge, die man für “Betroffene” tun kann. Diese sind:

Glauben schenken. Wer, wenn nicht man selber, weiß am besten was man ist. Man kann durchaus überrascht sein, aber wenn jemand sagt, dass er/sie transsexuell ist, ist das alles Andere als ein Witz und die Person hat sich womöglich bereits jahrzehntelang hinterfragt.

Hilfe anbieten: Viele sind am Anfang noch sehr verunsichert, da man gezwungenermaßen im falschen Geschlecht gelebt hat. Es gibt ganz banale Dinge, die zB. MzF (MannzuFrau) Transsexuelle lernen müssen, die für andere Frauen ganz normal sind (Haare föhnen, schminken, Wäsche kaufen …). Eine Shoppingtour mit einer guten Freundin wird meistens dankbar angenommen, oder wie wäre es bei FzM (FrauzuMann) Transsexuellen mit einer Einladung zu einem Fußballnachmittag? Klar sind das Klischees, aber viele Betroffene holen sich gerade am Anfang über diese Dinge Kraft und das Selbstbewusstsein, welches sie für den Weg benötigen. Und das Gefühl dazu zugehören bringt den Betroffenen schon sehr viel.

Zuhören und Reden: Da gibt es etwas, was in einem brodelt und eingesperrt war. Nun ist es raus und man fühlt sich unheimlich befreit von diesem Druck und da ist es normal, dass sich erst einmal alles um dieses Thema dreht. Für Angehörige ist das alles fremd und neu und man hat tausende Fragen. Also raus damit, so haben beide etwas davon.

ANGLEICHUNGSPHASE

In dieser Phase gleichen wir uns unserem innersten Geschlecht möglichst nach unseren Vorstellungen an. Wir sind in den kommenden Monaten/Jahren total auf dieses eine Ziel fixiert und das hat oberste Priorität. Wir besuchen Ärzte, müssen zu Behörden, schlagen uns mit Krankenversicherungen rum und planen mögliche Operationen. Wir verändern unseren Vornamen und nehmen Medikamente, die unseren Körper verändern. Aber bei den ganzen Dingen ist eins ganz wichtig: Wir sind immer noch derselbe Mensch, der wir vor unserem Comingout waren. Wir strahlen meistens mehr, sind ausgelassener und fröhlicher.

In dieser Phase trennt sich auch meist die Spreu vom Weizen. Die Menschen, die begriffen haben was wir sind, bleiben; die, die nach Gründen suchen und uns nicht so akzeptieren wie wir und was wir sind, gehen einen anderen Weg. Das ist manchmal sehr belastend für uns, wenn es sich um nahe Angehörige handelt, aber es kann auch befreiend sein, wenn die ewig Gestrigen unser Leben nicht weiter begleiten.

In dieser Phase brauchen die meisten:

Komplimente: Gerade wenn man nicht so aussieht, wie das Wunschgeschlecht, hilft es so Sätze zu hören wie:” Dein Gesicht sieht schon viel weicher aus oder Du hast ein schönes Augen-Makeup (bei MzF)” Man muss uns nicht anlügen, aber es gibt bei jedem kleine Veränderungen, die man hervorheben kann.

Ehrlichkeit: Genauso ist es wichtig, Verbesserungen oder auch sanfte Kritik anzubringen. Ich höre heute noch gerne, wenn mich jemand auf meinen (wie ich finde) zu maskulinen Gang aufmerksam macht.

Aufmunterung: Es gibt in dieser Phase immer mal wieder Rückschläge. Sei es das Belächeln von Fremden auf der Straße oder die abgelehnte Nadelepilation für die Gesichtsbehaarung durch die Versicherung. Da kann man noch so sehr vor Selbstbewusstsein strotzen, das ist irgendwann mal erschöpft. Ein aufmunterndes Wort oder eine Umarmung können manchmal Wunder bewirken.

Namen/Artikel: Benutzt nur noch den neuen Namen und die dazu gehörige Anrede. Wenn man mal ausversehen ein falsches “er oder sie” benutzt ist das noch nicht schlimm, aber arbeitet daran.

Phase des Angekommenseins

Nachdem man nun mit der gewünschten Angleichung fertig ist, kommt der Alltag wieder. Die Freunde, die jetzt noch übrig sind, stehen zu einem oder sind neu dazu hinzugekommen. Man hat Stunden oder Tage über das Thema gesprochen, man hat geheult, wenn es nicht weiterging und sich auch gefreut, wenn etwas positiv zu Ende gebracht wurde. Gemeinsam mit alten Freunden ist ein normales Leben sehr schnell und gut möglich. Neu hinzugekommene Freunde lernen uns aus ihrer Sicht in der Comingout Phase kennen, da verhält es sich ein wenig anders. Aus diesem Grund ist es für Nichtbetroffene sehr wichtig zu wissen, in welchem Status sich Transsexuelle gerade befinden.

Ab diesem Zeitpunkt gehen für viele bestimmte Fragen nicht mehr. Einige sind: Hast du schon die Operation gehabt? Du siehst ja ganz normal aus. Sind du und dein Freund schwul? Wie ist dein richtiger Name? (die kompletten Fragen und die möglichen Antworten findest du hier)

 

Ich möchte hier aber auch noch einmal Danke sagen, an die Menschen, die uns begleiten. Dieser Weg ist auch für euch nicht einfach und in manchen Situationen ja auch viel überraschender und fremder. Transsexuelle befassen sich fast ein Leben lang mit der Thematik und für euch ist es in manchen Momenten so, als würde man euch den Boden unter euren Füssen wegreißen. Aber im Nachhinein werdet ihr sehen, wir sind viel normaler als es scheint und das meiste ist nicht einmal halb so schlimm wie es sich im ersten Moment anhört.

Mehr zum Thema und viele weitere Informationen findest du unter http://www.hormonmaedchen.de/informationen/fuer-angehoerige/