Stundenhotels haben ihren ganz eigenen Reiz: Wer sich hier einmietet, weiß, was passieren wird. Das Adrenalin und das Gefühl der Vorfreude machen sich spätestens bei der Rezeption bemerkbar: Liebevoll renovierte Hotels wie das “Orient” und die “Goldene Spinne” eignen sich hervorragend, um einer langjährigen Beziehung wieder einen emotionalen Kick zu geben. Die klassischen Stundenhotels, die in Wien immer rarer werden, sind mit ihrem Flair und erotischen Ambiente eine nähere Betrachtung wert. Wenngleich man über Stundenhotels ja eigentlich nicht redet; und das ist den Hotels eigentlich auch ganz recht. Diskretion ist das oberste Gebot dieser historischen Zeitzeugen. Die eher schmucklosen und funktionalen Pensionen und Appartements, die diskret auch nur für einige Stunden ihre Zimmer vermieten, lassen wir hier einmal aus. Infos zu diesen Etablissements sind am Besten den einschlägigen Foren zu entnehmen; Preise, Ambiente und Service sollten hier aber sehr gut recherchiert werden. Auch Wellnesshotels und Thermen bieten Kuschelwochenenden mit allem, was das Herz begehrt.
“Höchst unverfänglich”
Stundenhotels waren immer schon eng verbunden mit Sexarbeit - und es gab Zeiten, da versteckte man die ‘Dirnen’ nicht in den Industriegebieten wie heute. Sie waren ein (mehr oder weniger) akzeptierter Bestandteil der Gesellschaft. Erst mit der Moralkeule wurden die erotischen Abenteuer in die Stundenhotels und Separees verlegt, ganz im Sinne einer ‘Clean City’ - und das ist auch heute noch so. Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts hatte das Stundenhotel aber noch eine ganz andere Bedeutung: Es war ein Hotel für ArbeiterInnen, die sich gemeinsam ein Zimmer teilten. “Also höchst unverfänglich”, erklärt Sascha Dimitriewicz, Inhaber des Stundenhotels “Goldene Spinne”. Anfänglich ein Cafe-Restaurant “Zur Goldspinnerin”, in dem gut-bürgerliches Publikum, aber auch Persönlichkeiten wie Johannes Brahms oder Ludwig van Beethoven verkehrten, wurde es 1908 nach einer Aufstockung zu einem Hotel. Sein Vater arbeitete seit den 60er Jahren für das Etablissement, das damals bereits stark mit Sexarbeit verbunden war. Prostitution hatte zu dieser Zeit auch im Zentrum kein (rechtliches) Problem, vor allem in der Hoch-Zeit des Gürtels in den 80er Jahren haben sich Stundenhotels rund herum etabliert.
So hat Rotlichtlegende Heinz Werner Schimanko das Hotel “Orient” in den 80er-Jahren von einer Absteige wieder zu einem wunderschönen Pärchenhotel mit einzigartigem Stil entwickelt. Im 17. Jahrhundert lag das ehemalige Schankhaus noch an einem Fluss, der in die Donau mündete. Da sie von dort in den Orient stachen, stammt der Name des Etablissements aus einer Zeit, als sich Seemänner mit leichten Mädchen in der Schenke trafen. Heute wird das Hotel Orient von Schimanko’s Sohn Heinz Rüdiger Schimanko geführt und ist eines der wenigen klassischen Stundenhotels, die Wien noch zu bieten hat.
Diskretion ist oberstes Gebot
Alexander Dimitriewicz merkte in seiner Ausbildung an der Hotelfachschule, dass er ein Außenseiter war. Das Geschäft war einträglich, von der Auslastung der “Goldenen Spinne” konnten ‘seriöse’ Hotels nur träumen. Es war eben kein normaler Hotelbetrieb, in dem er aufwuchs. Damals, als er als Kind seine Hausaufgaben am Arbeitsplatz seines Vaters absolvierte, waren nächtliche Polizeieinsätze keine Seltenheit. SexarbeiterInnen gingen im Hotel ein und aus - heute findet man sie viel seltener im Stundenhotel.
Sein Vater kaufte 1978 das Hotel und leitete nun den Betrieb. Im Zuge des Umbaus der Stadtbahn in die U-Bahn im Jahre 1975 und der Entwicklung von Fußgängerzonen und Einkaufsstraßen mussten die Prostituierten aber weichen - durch die Entwicklung des Gürtels zog es die SexarbeiterInnen in diesen Rotlichtbezirk. Die “Goldene Spinne” wurde ein seriöses Stundenhotel, in dem die sogenannten “Pantscherl” vollzogen wurden. Diskretion war und ist das oberste Gebot jedes Stundenhotels. Diese Hotels garantieren auch eine Anonymität, denn sie nutzen eine Regelung: Hoteliers müssen Gäste binnen 24 Stunden melden. So lange bleibt aber eben keiner ihrer Gäste.
Heute ist die “Goldene Spinne” ein 3-Stern-Hotel im Mischbetrieb - 80 Prozent des Umsatzes werden durch das Stundenhotel erzielt, der Rest von ganz normalen Urlaubern. Unter der Woche sind die Zimmer ein wenig teurer, das Wochenende ist wieder günstiger zu haben. Mittlerweile haben sich Frauen auch hier emanzipiert: Immer mehr Frauen, zur Zeit etwa die Hälfte der Gäste, bezahlen das Zimmer. Die wirtschaftliche Krise hat dem Stundenhotel übrigens nicht geschadet, ganz im Gegenteil: Seit 2008 sind die Umsätze im Steigen begriffen.
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