2 September 2025
22:01



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Brauchen wir Aufklärung 2.0?

by Anja Herberth

Credit: Shutterstock

Das Internet ist heute eine der wichtigsten Informationsquellen für Erotik und Sexualität, und das nicht nur für Jugendliche. Das zeigt u.a. folgendes Beispiel: War Analverkehr vor zehn Jahren noch eine Praktik, die vor allem unter homosexuellen Paaren praktiziert wurde, so hat sie sich durch Pornografie weiter verbreitet.

Sexuelle Aufklärung findet nun auf mehreren Ebenen statt - und ist in heimischen Gefilden fatalerweise wenig ausgeprägt. Eine österreichische Erhebung, die Schulbücher zur Sexualität von Frauen untersuchte, zeigte auf, dass selbst die biologischen Grundlagen schlecht erklärt werden. Der weibliche Orgasmus kommt in diesen Büchern beispielsweise gar nicht vor. Wo die Sexualaufklärung versagt, trifft Pornografie auf “eine Leerstelle”, erklärt die Sexualpädagogin Kerstin Pirker im Interview. Aber auch in der Pornografie finden Mädchen nur wenig Unterstützung, denn diese ist noch immer sehr stark an den männlichen Phantasien und Bedürfnissen orientiert. Benötigen wir eine “Aufklärung 2.0?”

Pornografie: Das Internet als Informationspool

Eine Schweizer Studie aus 2012 beschäftigte sich mit dem Pornokonsum von Jugendlichen – ihr Fazit: Ganze 91% der Burschen und 44% der Mädchen konsumieren Pornos. Innerhalb der Kategorien sind es vor allem heterosexuelle Darstellungen gefolgt von ‚Lesbenpornos’, sogenannte ‚Schwulenpornos’ werden kaum betrachtet. Bereits Kids ab 8 Jahren konsumieren Pornos, in der Pubertät werden sie vor allem für Burschen zur Normalität. Es sind die ersten Bewegtbilder, die Kinder und Jugendliche von Sex erhalten; lange, bevor sie selbst Sex erleben.

Das Internet spielt generell eine große Rolle in der Informationsbeschaffung von Jugendlichen rund um Sexualität und Erotik. Kritiker meinen nun: Sie bewerten Pornos, stellen sie ohne Praxiserfahrung in Bezug zu ihrer eigenen Sexualität und integrieren diese Eindrücke in ihr Lebenskonzept. Pornografie ist Hochglanz-Sex mit gecasteten, enthaarten Köpern, der sich nach einem sich immer wiederholenden Schema vollzieht – meist nach Drehbüchern und Phantasien von Männern für Männer. Auch wenn sich langsam durchsetzt, dass nicht nur Männer gerne Pornos ansehen: Der Markt wird bis dato noch von heteronormativen Darstellungen dominiert, die vor allem den Mann als Zielgruppe sehen. Die Schweizer Studie erkennt daher den Bedarf einer Anschlusskommunikation mit Vertrauenspersönlichkeiten. Da Jugendliche aber normalerweise ihren Pornokonsum nicht mit Eltern oder Lehrerin besprechen, diskutieren sie vor allem untereinander.

Sexualaufklärung: mangelhaft

Sexualpädagogin Kerstin Pirker, Credit: FGZ Graz

Kerstin Pirker, Sexualpädagogin im Frauengesundheitszentrum Graz, weiß aus ihrer Praxis, dass diese mangelhafte Auseinandersetzung mit der pornografisierten Umwelt den Jugendlichen zusetzt. In ihrer Arbeit ist sie immer wieder mit den Auswirkungen konfrontiert, auch wenn die Sexualforschung diese verharmlost.

Aus diesem Blickwinkel betrachtet Pirker auch die Forschungsergebnisse von Silja Matthiesen, sie leitet das Forschungsprojekt „Sexuelle und soziale Beziehungen von 17- und 18jährigen Frauen und Männern“ am Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Beim Kongress „Sex 2.0“ waren von ihr beruhigende Worte zu hören. Die großen Bedrohungsszenarien, so Matthiesen, hätten eine vielfältigere Wahrnehmung notwendig.

So ist die Jugendsexualität von einigen Mythen durchzogen, die durch Daten nicht belegbar sind. Der moralische Untergang der Menschheit muss noch warten: Es gibt etwa bei den 15-17jährigen Frauen keinen Zuwachs an Schwangerschaftsabbrüchen, seit zehn Jahren ist sogar das Gegenteil der Fall. Das Verhütungsverhalten hat sich massiv gebessert, 95 Prozent der Mädchen und 87 Prozent der befragten Burschen haben bei ihrem letzten sexuellen Kontakt sicher verhütet. Auch die Mär von den Jugendlichen, „die immer früher anfangen“, also sexuelle Kontakte haben, ist laut Studie nicht korrekt. In den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde der erste Sexualkontakt von Frauen um 3-4 Jahre ‚vorverlegt’, seitdem gab es keinen sprunghaften Anstieg mehr. Sex spielt sich vor allem in Beziehungen ab und wird als Besiegelung dieser Partnerschaften verstanden.

Die ‚Normalisierung’ von Pornografie

Das Internet spielt eine große Rolle in der Informationsbeschaffung von Jugendlichen rund um Sexualität und Erotik - Credit: Shutterstock

Auf diesen Hintergrund trifft Pornografie: Vor allem Burschen sammeln ab einem Alter von ca. 13/14 Jahren viel Erfahrung durch Pornos, meist in Verbindung mit Masturbation. Mädchen sehen weniger Pornos, nur vereinzelt, und finden sie zum Teil auch nicht erregend. In dieser Studie zeigen Mädchen aber eine liberale Einstellung gegenüber dem Pornokonsum ihrer Freunde. Laut Matthiesen fand eine „Normalisierung“ von Pornografie statt, die zu keiner Beeinträchtigung oder nachhaltigen Belastung bei den Jugendlichen führt – diese könnten zwischen realer und virtueller Sexualität unterscheiden und sich kritisch etwa mit dem vermittelten Frauenbild auseinandersetzen. Pornografie ersetze daher lediglich die herkömmlichen Onanievorlagen.

Kerstin Pirker kennt diese Studie – denn da die Sexualforschung in Österreich brach liegt, werden die Studien aus Deutschland auch in heimischen Gefilden gerne übernommen. Und genau das könne man ihrer Meinung nach nicht, denn die Jugend in Deutschland und in den skandinavischen Ländern sei generell besser informiert. Hier gebe es einen kulturellen Unterschied, so Pirker. „Pornografie trifft in Österreich auf eine Leerstelle“, erklärt Pirker weiter, die Sexualaufklärung der Jugendlichen sei mangelhaft. So ergab eine Erhebung, die Schulbücher zur Sexualität von Frauen genauer unter die Lupe nahm, dass selbst die biologischen Grundlagen schlecht erklärt wurden. Der Orgasmus der Frau kommt in diesen Büchern beispielsweise gar nicht vor. Treffen auf diese mangelhaften Sexualkenntnisse pornografische Bewegtbilder, so treffen sie auf fruchtbaren Boden.

Vor allem Mädchen sind verunsichert, was ihren Körper betrifft: Wird der Penis des Jungen als „bestes Stück“ tituliert, so fehlt eine derart positive Benennung ihrer Vagina, ihrer Schamlippen. Während Masturbation bei Burschen positiv besetzt ist und der Befriedigung der eigenen Lust dient, sind Mädchen hier viel zurückhaltender. Es fehlt, so Pirker, an der positiv besetzten weiblichen Lust, die bei Burschen einen viel zwangloseren Umgang mit ihrer Sexualität ermöglicht. Mädchen profitieren auch viel weniger von den sexuellen Darstellungen in Pornos, da diese nur wenig Akte weiblicher Lust zeigen. Denn Pornografie ist noch immer sehr stark an den männlichen Phantasien und Bedürfnissen orientiert.

Die Weiblichkeit, ihre Geschlechtsorgane, ihr Geruch – oftmals trifft Pirker bei Mädchen auf eine Ablehnung ihres eigenen Körpers. Das „Hingreifen da unten“ sei ja pervers. Wenig Unterstützung finden sie in Pornos: Die Körper sind wie der Sex steril, kein Geruch oder Schweiß, der die Lust trüben könnte. Kein Haar, das sich auf den Körpern der Darsteller verirrt hat - perfekt gecastete Körper eben. Burschen wie Mädchen leiden unter den Körperidealen und Darstellungen sexueller Akrobatik, die in Pornos kommuniziert werden. „Männer ziehen eher Vorteile aus Pornos, haben durch sie aber auch enorme Leistungsbilder im Kopf und zu wenig Wissen um die weibliche Lust.“

Eigenes Lustempfinden entwickeln

Kerstin Pirker’s Erfahrung nach ist es für Mädchen sehr schwer, ihr eigenes Lustempfinden zu entwickeln. Pornos haben in den vergangenen Jahren zu einer Art Verzerrung geführt, ein Beispiel dafür ist der Analverkehr. War Analverkehr vor zehn Jahren noch eine Praktik, die vor allem unter homosexuellen Paaren praktiziert wurde, so hat sie sich durch die Pornografie weiter verbreitet. Heute kommt in der Beratungspraxis von Kerstin Pirker öfters die Frage seitens Mädchen: „Was kann man tun, damit Analsex nicht so weh tut?“ Mädchen, so Pirker, übergehen durch die verzerrte Vorlage, was „normal“ ist, ihre eigenen Schmerz-Grenzen. Auch die Frage, wann man denn eigentlich stöhnen muss, kommt in ihrer Praxis vor. „Es ist bei vielen Mädchen kein eigenes sexuelles Empfinden vorhanden, das Selbstbild ist nicht daran geknüpft. Wenn Sexualität schon mit Vortäuschen beginnt, endet dies in späteren Jahren mit Unlust.“

Daher wundert sie sich auch nicht über die liberalen Antworten seitens Mädchen im Zuge der Hamburger Jugendstudie. Es sei nicht „ihre Welt“, aber sie geben sich tolerant. Es wird vieles ertragen – für die Versicherung ihrer eigenen Normalität. Denn haben sie auch eine andere Wahl?

Grundkompetenzen aufbauen

Cybersex und sexy Chats, Online-Flirtportale: Sexualität und Erotik sind ohne das Internet für viele Menschen undenkbar geworden. Kerstin Pirker untersuchte im Zuge einer selbst durchgeführten Onlinestudie die Erotik von Frauen im Netz. Fazit: Nur Frauen, die im realen Leben sexuell selbstbewusst auftreten und sexuelle Grundkompetenzen aufbauen konnten, finden auch im Internet Lust und Erfüllung. Es sind Frauen, die eine Sprache für ihre Lust entwickelten und über ihre Phantasien reden können.

Es ist die Sprachlosigkeit und Individualisierung, die für Pirker den Ausschlag gibt: „Früher hatte man das Gefühl, nicht alleine zu sein. Heute ist durch die Individualisierung alles so vereinzelt, jede Frau macht alles nur mit sich selbst aus.“ Entscheidungen, wie beispielsweise die Körperbehaarung zu entfernen, seien für Mädchen aber alles andere als „freie Entscheidungen“, und das sei das perfide daran. „Wenn es alle machen, ist es keine freie Entscheidung, sie beugen sich dem Druck der Körperideale“, erläutert Pirker.

Weiterführende Links:

Frauengesundheitszentrum Graz

„Pro-sex. Pro-porn. But knowing the difference“: makelovenotporn.com

Cindy Gallop’s makelovenotporn.tv

Forschungsprojekt „Sexuelle und soziale Beziehungen von 17- und 18jährigen Frauen und Männern“