“Bravo”: Chronik eines angekündigten Todes

Die Bauer Media Group entließ die Chefin der “Dr. Sommer” Rubrik - in den vergangenen 16 Jahren war Diplom-Sozialpädagogin Jutta Stiehler gemeinsam mit ihrer Mitarbeiterin Sabine Kadolph für die Beantwortung vieler Anfragen Hilfe suchender Jugendlicher verantwortlich. Erst im vergangenen Jahr wurden 15 Redakteure von “Bravo”, “Girl!” und “Twist” aus Sparzwängen entlassen. Der Verlag setzt den Sparstift bei der Qualität an - ob das der richtige Weg ist, sei dahingestellt: Statt individueller Beratung gibt’s nun vorgefertigte Antworten.

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Printbranche im Wandel

Generell ist die Printbranche im Wandel: Das Internet hat viele Businessmodelle wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen lassen. Auch die alten Flaggschiffe jugendlicher Aufklärung - “Bravo”, “Girl!” & Co. - mussten in den vergangenen Jahren Federn lassen. Die Auflage sank von knapp einer Million pro Woche in den Hochzeiten der Gazetten auf knapp ein Fünftel davon. Neben Jutta Stiehler sind auch noch die langjährige “Bravo”-Fotochefin Christina Biegl und der Vize-Artdirector von “Bravo Girl!” entlassen worden. Vor dem Arbeitsgericht in München einigten sich die Beteiligten auf Abfindungen, die Begründung für die Entlassungen klingt wie eine Verhöhnung: Man habe festgestellt, dass die fraglichen drei Leitungsstellen entbehrlich wären.

Kadolph wird das Ressort nun mit zwei freien MitarbeiterInnen weiterführen. Stiehler betonte in einem Interview mit der “Süddeutschen”, dass sie alle Anfragen persönlich beantwortet hätten - jetzt wird vermehrt auf vorgefertigte Antworten gesetzt. Statt dem Konterfei des echten Dr.-Sommer-Teams sind es nun die Models “Christian” und “Nina”, laut Verlag nutzte man “stellvertretend für das Dr.-Sommer-Team ein Bild von zwei jungen Menschen mit hohem Identifikationspotential für die Bravo-Zielgruppe.”

Qualität - bleibt auf der Strecke

Wer beantwortet nun Jugendlichen ihre Fragen punkto Sexualität? Gerade in einer Zeit, in der Pornografie einer der Grundpfeiler jugendlicher Aufklärung zu sein scheint, sind Antworten aus der “realen Welt” wichtig. Einer der wichtigsten Aufklärungskanäle ist im deutschsprachigen Raum “61 Minuten Sex” vom Sexualpädagogen Jan Winter, der gemeinsam mit seine Co-Moderatorin Gianna Chanel essentielle Fragen beantwortet. Vergleicht man die Zugriffe zwischen Bravo Web TV und “61 Minuten Sex” fragt man sich, was der Verlag falsch macht: Ist es der Trash, der den Jugendlichen auf die Nerven geht? Die x-te Schlagzeile zu Justin Bieber und seinen rechtlichen Problemen in den USA?

Es drängt sich vor allem eine Vermutung auf: In die Jahre gekommene Projekte schaffen manchmal den Übergang in die Neuzeit nicht, krallen sich an Print-Auflagen und Klick-Rates auf Facebook fest. Neue und innovativere Projekte übernehmen nun das Ruder. Wenn etwas Altes zusammenbricht, macht es Platz für etwas Neues. Ob es klug ist, an der Qualität zu sparen, sei jedenfalls dahingestellt.

Weiterführende Links:

Artikel in der “Süddeutschen”: “Ende der Sprechstunde”

Personalabbau im Vorjahr: Artikel auf newsroom.de vom 11.1.2026

Jan Winter und Gianna Chanel: “61 Minuten Sex”

Das ehemalige Flaggschiff der Aufklärung im Wandel: Bravo.de