Sexwork - und ihre moralinsaure Komponente
Im Zuge der IPA 2013, der International Interpretive Policy Analysis Conference, wurde das Wiener Prostitutionsgesetz diskutiert, das 2011 neu implementiert wurde. Neben dem Einschränken und der Auslagerung der Straßenprostitution in Industriegebiete unterliegen Bordelle seitdem neuen Vorschriften. Ziel war es weiters, die Straßenprostitution indoor zu verlegen. Zur Vorbereitung des Gesetzes wurde erstmalig ein Dialogforum eingesetzt, um Experten und die Betroffenen selbst einzubeziehen.
Einig sind sich die Diskutantinnen, dass es eine Diskussion rund um Sexwork geben muss, abseits des Schaffens von Gesetzen. Denn Prostitution wird mit Sex gleichgesetzt, und nicht mit Arbeit oder auch Arbeitsbedingungen. Marion Gebhardt, Leiterin der Frauenabteilung (MA 57), erzählt von der Herausforderung, mit Anrainern eine faktenbasierte Diskussion zu führen. Sie sieht Sexwork als soziales Faktum, als Arbeitsbereich, der kein Verbot sondern Regulierung benötige. Vor allem, um die Arbeitsbedingungen der Frauen zu verbessern, die in diesem Bereich arbeiten: “Sie verkaufen nicht ihren Körper, sie verkaufen sexuelle Services.” Sie plädiert für einen bundesweiten “labour act”, um Rechte und Pflichten in ganz Österreich einheitlich festzulegen; derzeit ist Prostitution ja Ländersache, in jedem Bundesland werden andere Regelungen umgesetzt. Als Vorbild nennt sie das Neuseeländische Prostitutionsrecht, das 2003 innerhalb des Prostitution Reform Act geschaffen wurde.
Sexwork spaltet die Gemüter, emotionalisiert, stigmatisiert. Auch Birgit Hebein, Sozialsprecherin der Wiener Grünen, spricht von schwierigen Bedingungen: “Es ist verrückt. Wir diskutieren in einem Bezirk über lediglich 20 Frauen, die in einem Industriegebiet arbeiten.” Denn die Emotionen gehen vor allem bei der sichtbaren Prostitution hoch, wenngleich diese auch einen geringen Anteil am Gesamtmarkt hätte. Hebein: “Es gibt die Vision einer sauberen Stadt.” Eine ‘clean city’, möglichst ohne frei sichtbaren Drogen- und Alkoholmissbrauch und Straßenprostitution. Darauf basiere auch die Ghettoisierung, das Verbannen der sichtbaren Prostitution in Industriegebiete. Es stelle sich auch die Frage, was im öffentlichen Raum erlaubt ist, und was nicht?
Gerade die Verbannung in an den öffentlichen Verkehr schlecht angebundene Plätze wie dem Auhof machen Eva van Rahden, Leiterin von SOPHIE BildungsRaum für Prostituierte, Sorgen. Sexworker sollten so unabhängig wie möglich sein. Auch sie bekräftigte, dass es die beste Taktik sei, über die real existierenden Fakten zu sprechen. Eine faktenbasierte Diskussion wäre aber generell schwer zu führen, wenn man die öffentliche Meinung nicht auf der Seite hat.
Für die Salzburger Streetworkerin Christine Nagl vom Projekt PiA sind die Initiativen für ein neues Prostitutionsgesetz in Salzburg und Innsbruck die richtigen Schritte, um die existierenden Missstände zu verändern. Als vor wenigen Wochen eine Diskussion rund um das Wiener Prostitutionsgesetz stattfand, wurde die Streetworkerin online persönlich, respektlos und diffamierend angegriffen. Diese Angriffe wieder aus dem Netz herauszuholen, hätte einige Energie gebraucht. Hebein: “Der Wind ist rau, vor allem seitens konservativer Kräften und feministischer Strömungen.” Diese hätten vor allem das Ziel, Prostitution zu verbieten, unsichtbar zu machen: “Wir müssen alles tun, damit die Frauen sichtbar bleiben.” Denn Unsichtbarkeit ist gleichbedeutend mit Stigmatisierung, Ghettoisierung.
Mehr zur IPA 2013 findest du hier
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